vor kurzem hat mir jemand, der grade nach australien eingewandert ist, seine zeitung geschenkt. eine (nun) zwei monate alte frankfurter allgemeine sonntagszeitung.

heute morgen musste ich dem kinderameisenhaufen in unserem haus entkommen, habe mich in die frühlingssonne gesetzt, das papier hat geknistert als ich es ausbreitete, ich habe die stinkenden autos (keine emissionsbeschränkungen), die tief fliegenden flugzeuge (einflugschneise) und die klickende solaranlage vergessen – und muse walten lassen.

in dieser meiner (uralten) fas vom 5.9. hat claudius seidl ueber sarrazins geplapper und die kindererziehung im lande geschrieben (überschrift: die katastrophe hat laengst begonnen). er erzählt, wie die mütter der mittelschicht ihre kinder durch die stadt kutschieren, um sie auf anständige schulen zu schicken und sie somit integration verhindern. denn es brauche eine mehrheit um eine minderheit zu integrieren. wenn aber die mehrheit ihre kinder aus dem bunt durchmischten stadtviertel entfernt, um sie auf “bessere” schulen zu bringen, geht das konzept nicht auf. sarrazin empfiehlt: kindergartenpflicht, strenge, disziplin.

nun denn – hier bin ich, in australien, bekannt für multikulti. die mehrheit, die ganze nation, besteht hier aus minderheiten. die australier, die eigentlich in der dritten generation italienier sind, oder in der zweiten vietnamesen oder binational, weil mama deutsche und der vater australier ist.

mein sohn geht hier zur schule. zur schule können kinder mit 4,5 jahren gehen, aber davor gibt es keine kinder-ablade-stelle. jedenfalls keine staatlich organisierte. das ist alles in privater hand und dementsprechend teuer. wie teuer? zwei mal pro woche, morgens für drei stunden betreuung, ohne essen, 10 wochen lang (ein quartal) kostet rund 600 dollar, 450 euro. ist also nichts mit der kindergartenpflicht, die sarrazin vorschlägt.

und schulpflicht? gibt es auch nicht. es gibt bildungspflicht. aber das ist ja definitionssache. was ist bildung? als ich kürzlich meine eltern zu besuch kamen, und wir ein bisschen das land erkundeten, war mein sohn 10 tage vom unterricht abwesend. und was sagen die lehrer dazu? PRIMA, beim reisen lernen die kinder so viel, über die umwelt und soziale werte – das ist viel besser als schule! ich erinnere mich, dass meine eltern, vor 20 jahren, jedes mal eine standpauke erhalten haben, wenn sie uns zwei tage vor dem offiziellen ferienbeginn schon in den urlaub entführten. ich nehme an, das hat sich nicht geändert, denn bevor ich deutschland verliess, ende 2009, mein sohn war 5,5 jahre alt, hatte ich bereits zwei briefe einer schule im briefkasten, die mich belehrten, ich müsste meinen sohn anmelden, und falls es nicht passiert, müssten sie mich dem schulverwaltungsamt melden. als ich dort anrief und sagte, wir gehen ins ausland, wurde mir mitgeteilt, ich müsste eine schulbescheinigung von dort beibringen – aber schulbescheinigungen? hahaha, die gibt es hier nicht. zeugnisse im übrigen auch nicht. jedenfalls nicht in den ersten klassen.

eigentlich, gibt es nicht einmal klassen. kinder im alter von 5 bis 7 jahren sitzen in einem raum und “lernen” zusammen. ich schreibe lernen in anführungszeichen, da ich, mit meiner deutschen engstirnigkeit, es nicht als lernen bezeichnen kann. es entspricht der vorschulklasse im deutschen kindergarten. sie malen und basteln und lernen ein paar buchstaben. von mathe hat mir mein sohn noch nie etwas erzählt. wörter richtig schreiben, ist auch ziemlich egal. dafür gibt es “show and tell”, eine veranstaltung, bei der jedes kind, immer morgens, einen gegenstand mitbringen muss und darüber etwas erzählen. sie lernen vortragen, small talk und ganz nebenbei die kultur der anderen kennen. denn in der klasse sitzen alle hautfarben und augenformen. und jeder kommt irgendwie durch die schule. nach deutschem masstab würden wir sagen: es herrscht schludrian. nichts mit strenge und disziplin. ausser bei den schuluniformen, die müssen immer schön getragen werden. äußerliche einheit der klassen, schul – wie auch sozialen klassen.

nun denn, öffentliche schule. vielleicht lernen (ohne anführungszeichen) die kinder auf der privaten etwas, dachte ich mir, und sprach mit einer bekannten, die 1000$ pro monat für die schule ihres kindes zahlt. “was machen die schule so besonders, was ist das beste?” fragte ich sie. und sie erzählte, dass die lehrer mit den kindern in den park gehen und käfer sammeln, um sie unter der lupe zu betrachten. ich wusste nicht, ob ich darüber lachen oder heulen sollte – das ist das beste an einer schule, die 12000 $ oder 9000 euro pro jahr kostet? das hat mein sohn im kindergarten gemacht, als er vier war. dort hatten sie auch einen gemüsegarten; hasen, um die sie sich kümmern konnten, und eine französisch gruppe. öffentlicher kindergarten, zum normalen satz, im osten deutschlands.

mmhh… ich bin voreingenommen, dachte ich, und sprach mit einer deutschen, die ich zufällig kennenlernte und die lehrerin ist. sie arbeitet an einer schule, die mindestens 15 000$ im jahr kostet, für die unteren klassen, die höheren klassen sind teurer. “es entspricht dem niveau einer normalen deutschen schule”, sagt sie.

bildung, im deutschen sinne, gibt es also nur gegen cash. integration, im un-deutschen sinne, gibt es hingegen für umme.

was machen die hier, was wir nicht machen? hier gibt es ein willkommensprogramm für kinder. neu angekommene kinder, die kein englisch können, gehen zu “new-arrival-programms” (naps) , wo sie intensiv englisch lernen, in kleinen gruppen. die naps finden aber nicht irgendwo im asylbewerberheim oder sonstwo im halbdunkeln statt, sondern in den ganz normalen schulen. die kinder lernen die sprache also unabhängig von den eltern und durchmischen sich gleichzeitig mit den anderen “australiern” oder australiern-to-be. und das ist das zweite was die australier haben, was wir nicht haben. oder besser umgekehrt. die australier sind keine kulturnation, tragen keine nationale bürde vom holocaust, sind nicht die nation der philosophen und denker. die australier haben weniger kulturelle arroganz (aka stolz) als wir deutschen. was die australier gemeinsam haben ist, dass sie alle einwanderer sind, und jeder von ihnen einmal ganz von vorne anfangen musste.

alle, außer einer gruppe: den aborigines. sie sind die unintegrierte problemgruppe. sie hat niemand willkommen geheissen (wie auch, es war ja ihr land) und sie kommen in kein nap programm. schlimmer, sie haben eigene schulen, wo ihre eltern sie nicht hinkarren können, weil sie im knast sitzen oder sonstwie abwesend sind. auch in einer ansammlung von minderheiten gibt es eine gruppe, die die ultimative minderheit ist.

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die auslandskorrespondenten der taz proben den aufstand. wunderbar! fuer mich ist dieses jahr in adelaide meine erste erfahrung als “auslandskorrespondentin”. ich traue mich gar nicht das wort ohne anfuehrungszeichen zu schreiben, denn aus dem regen berichten ist (aus meiner sicht) nicht viel geworden. nun denn, dachte ich anfangs, australien ist das ende der welt, da muss ich mich langsam heran tasten, an das was die herren und damen redakteure interessieren koennte. das erste halbe jahr war dementsprechend unproduktiv. es dauert ja auch eine weile ein informantennetzwerk im land aufzubauen.

aber dann wurde kevin rudd abgesetzt und alles ging schlag auf schlag, wahlen, verhandeln, stillstand. verhandeln und stillstand war auch bei mir angesagt. na klar, wahlberichterstattung wird man los ohne lange nach einem aufhänger suchen zu müssen. aber zu welchem preis? da stehen honorar und stress in einem solchen missverhaeltnis, dass ich beschlossen habe, das gleich wieder sein zu lassen. ich finde, man muss sich fuer seinen job nur bis zu einem gewissen grad erniedrigen.

“The most underused words in the news business today: let’s pass on that.”

schreibt dean starkman hat in der columbia journalism review ueber das hamsterrrad:

The Hamster Wheel isn’t speed; it’s motion for motion’s sake. The Hamster Wheel is volume without thought. It is news panic, a lack of discipline, an inability to say no. It is copy produced to meet arbitrary productivity metrics (Bloomberg!). It is “Sheriff plans no car purchases in 2011,” (Kokomo Tribune, 7/5/10). It is “Ben Marter’s Home-Cooked Weekend,” (Politico, 6/28/10): “Saturday morning, he took some of the leftover broccoli, onions, and mushrooms, added jalapenos, and made omeletes for a zingy breakfast.” Ben Marter is communications director for a congresswoman. It’s live-blogging the opening ceremonies, matching stories that don’t matter, and fifty-five seconds of video of a movie theater screen being built: “Wallingford cinema adding 3 screens (video),” (New Haven Register, 6/1/10). But it’s more than just mindless volume. It’s a recalibration of the news calculus. Of the factors that affect the reporting of news, an underappreciated one is the risk/reward calculation that all professional reporters make when confronted with a story idea: How much time versus how much impact? This informal vetting system is surprisingly ruthless and ultimately efficient for one and all. The more time invested, the bigger the risk, but also the greater potential glory for the reporter, and the greater value to the public (can’t forget them!). Do you fly to Chicago to talk to that guy about that thing? Do you read that bankruptcy examiner’s report? Or do you do three things that are easier?

und was kommt raus, wenn alle immer fein weiter im hamsterrad rennen? krishna bharat, der typ, der google news gegruendet hat, beschreibt es in the atlantic:

The Google News front page is a kind of air-traffic-control center for the movement of stories across the world’s media, in real time. “Usually, you see essentially the same approach taken by a thousand publications at the same time,” he told me. “Once something has been observed, nearly everyone says approximately the same thing.” He didn’t mean that the publications were linking to one another or syndicating their stories. Rather, their conventions and instincts made them all emphasize the same things. This could be reassuring, in indicating some consensus on what the “important” stories were. But Bharat said it also indicated a faddishness of coverage—when Michael Jackson dies, other things cease to matter—and a redundancy that journalism could no longer afford.

und leisten koennen sich das viele ja heute schon nicht mehr: “spesen? nee, geht nicht.”  und ich weiss schon gar nicht mehr, wer mir mehr leid tut: wir freien, oder die redakteure, die immer mit schlechtem gewissen im nacken, das honorar weitergeben, am ende meist ein “es tut mir leid” dran haengen, als waere es eine kondolenzbekundung. in gewissen sinne ist es ja auch eine.

ich habe ein paar artikel des nieman reports ueber die zunkunft der auslandsberichterstattung gelesen. dort schreibt john sawyer,vom pulitzer center on crises reporting, einer organisation, die auslandsberichterstattung unterstuetzen:

We’ve had projects in which we provided $15,000 and up in travel costs and journalists invested weeks or months of work—and national news media outlets have paid $1,000 or less for the articles they have published. An urgent part of our mission has become the identification of income streams for our journalists—from payment for talks we arrange on college campuses to the provision of income within our journalism grants themselves.

ergo: als journalist lebt man nicht mehr von dem honrar, dass man fuer einen text bekommt. um den text zu schreiben, muss man vorher sponsoren suchen oder spenden sammeln gehen, wie doug struck erzählt. weil das geld aber nie reicht, muss man neue netzwerke schaffen und alte umfunktionieren. und am ende könnten doch die menschenrechtsbeobachter die besseren journalisten sein, weil sie näher am menschen dran sind, und all das erfahren, was der freie korrespondent, der nur für diese eine story kommt, nie hören wird.

fazit:

What is clear in this experimentation is that foreign news coverage and correspondents no longer conform to a single elite model such as dominated the profession in the last century. Given the dedication and daring of innovators, new methods for gathering and delivering foreign news will continue to emerge.

ich nehme an, dass das aber etwas ist, was die streikenden taz-korrespondenten so weder hören, noch einsehen wollen. ich würde mich auch freuen, wenn das alles ein hässlicher traum wäre. dennoch sitze ich hier in australien, aufenthalt selbsorganisiert, finanziert vom besser stipendium der studienstiftung des deutsche volkes, versichert über die uni, am leben erhalten durch gute freunde.

konferenz-blablabla

September 2, 2010

gestern war ich in melbourne, der grossen stadt. die swinburne university hat ein konferenz zum thema “new news 2010” veranstaltet. im prinzip hat man in australien dieselben sorgen wie in deutschland – leserschwund, auflagenschwund, anzeigenschwund, geldschwund, qualitaetsschwund – nur auf einem kleineren und staerker konzentrierten markt.

bei den meisten panels war die diskussion zu vorhersehbar: eine idee wie man im internet geld verdienen kann, hat auch hier keiner. deshalb habe ich mir nur ausgewaehlte diskussionen angehoert und jetzt habe ich mehr fragen als antworten. die wichtigste: “kann mal einer die tuer vom huehnerstall zumachen, damit das wilde gackern nicht mehr alles uebertoent?”

ein panel hiess: “leadership in journalism”, aber darum ging es nicht, es war “leadership (government) and journalism”. da sassen also der chefredakteur/in von “the age” und “herald sun”, von “crickey.com.au” und “abc” und philosophierten ueber die rolle der medien in der letzten wahlkampagne. dabei haette man das in einem satz zusammenfassen koennen: die medien waren marionetten der politiker. kaum kritisches hinterfragen, keiner hat mal laut geschrien und diese praxis der kontrolle der medien durch die staatsoberen angeklagt. nein, immer fein mit in den wahltourbus eingestiegen. den ganzen wahnsinn hat annabel crab von der abc sehr schön beschrieben. da erklaert der herr von “the age”, dass leser nur noch sachen lesen, die sich in ihrer “comfortzone”, ihrem wohlfuehlbereich, bewegen – aber hallo, die journalisten bleiben doch auch fein in ihrer “comfortzone”. wo sind denn bitte die inhalte, die den leser herausfordern wuerden? alle waren sich sicher, dass die bedeutung des journalisten nicht schrumpft (das muss man ja auch glauben, wenn man in diesen positionen arbeitet), aber ueber die veraenderte rolle haben sie dann nicht diskutiert. die vierte macht im staat sind medienmacher ja wohl schon lange nicht mehr. kleine ego-bestaetigungs-maschinen fuer ihr publikum, und das zu einem guenstigeren preis als jeder irrenarzt (dieser begriff ist nicht p.c. und umfasst psychologen, psychiater, kinesiologen, heilpraktiker, frisoere, beauty salon angestellte, baeckereifachangestellte, bierzapfer und wo die menschen sonst noch ihr herz ausschuetten.)

am ende der veranstaltung, hab ich mich tatsaechlich gemeldet und auf meinem stuhl gewippt. was ich gerne gefragt haette waere dies:

this panel is called “leadership in journalism”. to lead implies that there is an aim you are heading to. you talked about the internet and new ventures and experiments, but i can’t figure out the overall aim. is it just survival of your company or is there a higher aim behind it? or maybe non at all? in short: is there still leadership in journalism?

natuerlich habe ich das mikro nicht bekommen, sondern die grauen herren mit den hemden und die frauen mit den kostuemen. und die haben minutenlang ihr wissen ausgebreitet, was keinen interessierte, um dann zu fragen: “so, what do you think of that?” – und der diskussikonsleiter hatte natuerlich nicht den mumm zu sagen: “sorry, but this is a public forum and we are not here to discuss your personal opinions. feel free to do that with the panelists over a cup of tea later on.” soviel also zu “leadership”.