the end.

December 20, 2010

the end.

the end.

liebe leser, (wer immer das auch war, oder noch ist)

das war’s dann, an dieser stelle. in wenigen tagen verlasse ich mit meinem sohn paul den kontinent und tingle ein bisschen durch asien. verzögerungstaktik, denn wer will schon im winter in deutschland sein? wir werden im märz ankommen. wo wir grade sind und was wir dort machen, kann man hier verfolgen: www.mit-rucksack-und-kind.de

“wir sagen dankeschön – und auf wiedersehn,/ schau sie mal wieder rein, denn etwas show muss sein,/ seien sie mit dabei, wenn es heisst bühne frei…”

oder so ähnlich…

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der englische tonfall

November 26, 2010

mein mitbewohner sagt, mein sohn würde ihn ständig beschuldigen. anstatt zu sagen: “could you tell me where the ball is?”, sagt er: “what have you done with the ball?”, das höflichste, was man aus ihm herausbekommt ist: “have you seen the ball?” zugegeben, mein mitbewohner ist etwas empfindlich, immerhin ist mein sohn erst sechs jahre alt. aber man merkt meinem sohn eben doch an, dass deutsch seine muttersprache ist und englisch eine fremdsprache, auch wenn er grade besser englisch als deutsch spricht.

im deutsche bestimmt das “du” und “sie” den grad an höflichkeit. nie würde man sagen “wo haben sie denn den ball hingetan?”, es klingt tatsächlich nach vorwurf. dagegen ist “wo hast du denn den ball hin (getan)?” vollkommen okay. jedenfalls dort, wo ich aufwuchs. im englischen gibt es aber kein “du” und “sie”. jeder ist “you” – nur der tonfall verändert sich. aber das versteht man als ausländer nicht auf anhieb. man übersetzt alle deutschen “du” sätze ins englische: “what have you done with the ball.”

die australier sagen: “you germans are rude and grumpy.” ich frage mich, ob das vielleicht ein sprachliches missverständnis ist. andererseits müssten sie das dann von den franzosen auch denken – aber vielleicht verstehen sie deren englisch einfach nicht? oder von den spaniern – aber die sind ja wirklich “rude”, einfach zu temperamentvoll.

vor kurzem hat mir jemand, der grade nach australien eingewandert ist, seine zeitung geschenkt. eine (nun) zwei monate alte frankfurter allgemeine sonntagszeitung.

heute morgen musste ich dem kinderameisenhaufen in unserem haus entkommen, habe mich in die frühlingssonne gesetzt, das papier hat geknistert als ich es ausbreitete, ich habe die stinkenden autos (keine emissionsbeschränkungen), die tief fliegenden flugzeuge (einflugschneise) und die klickende solaranlage vergessen – und muse walten lassen.

in dieser meiner (uralten) fas vom 5.9. hat claudius seidl ueber sarrazins geplapper und die kindererziehung im lande geschrieben (überschrift: die katastrophe hat laengst begonnen). er erzählt, wie die mütter der mittelschicht ihre kinder durch die stadt kutschieren, um sie auf anständige schulen zu schicken und sie somit integration verhindern. denn es brauche eine mehrheit um eine minderheit zu integrieren. wenn aber die mehrheit ihre kinder aus dem bunt durchmischten stadtviertel entfernt, um sie auf “bessere” schulen zu bringen, geht das konzept nicht auf. sarrazin empfiehlt: kindergartenpflicht, strenge, disziplin.

nun denn – hier bin ich, in australien, bekannt für multikulti. die mehrheit, die ganze nation, besteht hier aus minderheiten. die australier, die eigentlich in der dritten generation italienier sind, oder in der zweiten vietnamesen oder binational, weil mama deutsche und der vater australier ist.

mein sohn geht hier zur schule. zur schule können kinder mit 4,5 jahren gehen, aber davor gibt es keine kinder-ablade-stelle. jedenfalls keine staatlich organisierte. das ist alles in privater hand und dementsprechend teuer. wie teuer? zwei mal pro woche, morgens für drei stunden betreuung, ohne essen, 10 wochen lang (ein quartal) kostet rund 600 dollar, 450 euro. ist also nichts mit der kindergartenpflicht, die sarrazin vorschlägt.

und schulpflicht? gibt es auch nicht. es gibt bildungspflicht. aber das ist ja definitionssache. was ist bildung? als ich kürzlich meine eltern zu besuch kamen, und wir ein bisschen das land erkundeten, war mein sohn 10 tage vom unterricht abwesend. und was sagen die lehrer dazu? PRIMA, beim reisen lernen die kinder so viel, über die umwelt und soziale werte – das ist viel besser als schule! ich erinnere mich, dass meine eltern, vor 20 jahren, jedes mal eine standpauke erhalten haben, wenn sie uns zwei tage vor dem offiziellen ferienbeginn schon in den urlaub entführten. ich nehme an, das hat sich nicht geändert, denn bevor ich deutschland verliess, ende 2009, mein sohn war 5,5 jahre alt, hatte ich bereits zwei briefe einer schule im briefkasten, die mich belehrten, ich müsste meinen sohn anmelden, und falls es nicht passiert, müssten sie mich dem schulverwaltungsamt melden. als ich dort anrief und sagte, wir gehen ins ausland, wurde mir mitgeteilt, ich müsste eine schulbescheinigung von dort beibringen – aber schulbescheinigungen? hahaha, die gibt es hier nicht. zeugnisse im übrigen auch nicht. jedenfalls nicht in den ersten klassen.

eigentlich, gibt es nicht einmal klassen. kinder im alter von 5 bis 7 jahren sitzen in einem raum und “lernen” zusammen. ich schreibe lernen in anführungszeichen, da ich, mit meiner deutschen engstirnigkeit, es nicht als lernen bezeichnen kann. es entspricht der vorschulklasse im deutschen kindergarten. sie malen und basteln und lernen ein paar buchstaben. von mathe hat mir mein sohn noch nie etwas erzählt. wörter richtig schreiben, ist auch ziemlich egal. dafür gibt es “show and tell”, eine veranstaltung, bei der jedes kind, immer morgens, einen gegenstand mitbringen muss und darüber etwas erzählen. sie lernen vortragen, small talk und ganz nebenbei die kultur der anderen kennen. denn in der klasse sitzen alle hautfarben und augenformen. und jeder kommt irgendwie durch die schule. nach deutschem masstab würden wir sagen: es herrscht schludrian. nichts mit strenge und disziplin. ausser bei den schuluniformen, die müssen immer schön getragen werden. äußerliche einheit der klassen, schul – wie auch sozialen klassen.

nun denn, öffentliche schule. vielleicht lernen (ohne anführungszeichen) die kinder auf der privaten etwas, dachte ich mir, und sprach mit einer bekannten, die 1000$ pro monat für die schule ihres kindes zahlt. “was machen die schule so besonders, was ist das beste?” fragte ich sie. und sie erzählte, dass die lehrer mit den kindern in den park gehen und käfer sammeln, um sie unter der lupe zu betrachten. ich wusste nicht, ob ich darüber lachen oder heulen sollte – das ist das beste an einer schule, die 12000 $ oder 9000 euro pro jahr kostet? das hat mein sohn im kindergarten gemacht, als er vier war. dort hatten sie auch einen gemüsegarten; hasen, um die sie sich kümmern konnten, und eine französisch gruppe. öffentlicher kindergarten, zum normalen satz, im osten deutschlands.

mmhh… ich bin voreingenommen, dachte ich, und sprach mit einer deutschen, die ich zufällig kennenlernte und die lehrerin ist. sie arbeitet an einer schule, die mindestens 15 000$ im jahr kostet, für die unteren klassen, die höheren klassen sind teurer. “es entspricht dem niveau einer normalen deutschen schule”, sagt sie.

bildung, im deutschen sinne, gibt es also nur gegen cash. integration, im un-deutschen sinne, gibt es hingegen für umme.

was machen die hier, was wir nicht machen? hier gibt es ein willkommensprogramm für kinder. neu angekommene kinder, die kein englisch können, gehen zu “new-arrival-programms” (naps) , wo sie intensiv englisch lernen, in kleinen gruppen. die naps finden aber nicht irgendwo im asylbewerberheim oder sonstwo im halbdunkeln statt, sondern in den ganz normalen schulen. die kinder lernen die sprache also unabhängig von den eltern und durchmischen sich gleichzeitig mit den anderen “australiern” oder australiern-to-be. und das ist das zweite was die australier haben, was wir nicht haben. oder besser umgekehrt. die australier sind keine kulturnation, tragen keine nationale bürde vom holocaust, sind nicht die nation der philosophen und denker. die australier haben weniger kulturelle arroganz (aka stolz) als wir deutschen. was die australier gemeinsam haben ist, dass sie alle einwanderer sind, und jeder von ihnen einmal ganz von vorne anfangen musste.

alle, außer einer gruppe: den aborigines. sie sind die unintegrierte problemgruppe. sie hat niemand willkommen geheissen (wie auch, es war ja ihr land) und sie kommen in kein nap programm. schlimmer, sie haben eigene schulen, wo ihre eltern sie nicht hinkarren können, weil sie im knast sitzen oder sonstwie abwesend sind. auch in einer ansammlung von minderheiten gibt es eine gruppe, die die ultimative minderheit ist.

this is not the end.

October 26, 2010

long time no see. ich war nicht untergetaucht, die schweinegrippe hat mich erwischt. natürlich habe ich mich vergangenes jahr nicht dagegen impfen lassen. “ha! das ist doch alles übertrieben, so schlimm kann es gar nicht sein”, dachte ich mir. leider war es aber genauso schlimm. schwupps fand ich mich vollkommen dehydriert und halluzinierend im krankenhaus wieder.

jetzt bin ich wieder draußen, könnte aber den ganzen tag schlafen. ich hatte ganz vergessen, wie es ist wenn man richtig krank ist. wir jammern ja ganz gerne schon über eine klitzekleine erkältung und ein bißchen pms. um dem leiden ein ende zu setzen, habe ich beschlossen, heute einen neuen anfang zu feiern. heute vor 25 jahren wurde uluru, von den ignoranten auch als ayers rock bezeichnet, an die aborigine zurückgegeben. als käptn cook die küste von australien erreichte, war er ja der festen meinung, dass der kontinent niemandsland sei, dass nur darauf gewartete hatte, in beschlag genommen zu werden. die paar eingeborenen hatten ja nicht mal kleidung, wie konnten sie land besitzen? und schwupps, war australien ein teil englands. je nach bundesstaat und -territorium hat es unterschiedlich lange gedauert, bis es den einwanderern dämmerte, dass ihnen da einen fehler unterlaufen ist. im northern territory wurden den aborigine 1976 landrechte zuerkannt, aber das gesetz galt nicht auf dem gebiet von nationalparks, wo aber uluru liegt. erst jahre später schaffte man ein paar lücken im gesetz und gab den anangu ihren heiligen berg wieder, die ihn aber fuenf minuten spaeter fuer 99jahre an die bundesregierung zurückverpachtete. anyway, sie duerfen mitreden und das war ja schon mal ein anfang. grund zum feiern also. theoretisch.

gestern habe ich mit yami lester telefoniert, der aborigine, der bei der übergabe von uluru zwischen dem governor-general und dem rest uebersetzt hat. er hatte einen schlaganfall und liegt im krankenhaus. harry nelson, ein anderer aborigine, der zum management board des nationalparks gehört, macht grade sorry business und musste zentralaustralien verlassen, weil sein neffe einen freund getötet hat (im vollrausch), die polizei einschritt und nun die familien im dorf sich bekriegen, weil das sorry business, die aborigine-art mit solchen ereignissen umzugehen, nicht beendet wurde. weil sich alle bekriegt haben, hat die polizei die hälfte des dorfes, knapp 100 leute in ein paar busse gesteckt und in die nächste stadt, nach alice springs, gebracht. in ein town camp. im town camp leben überwiegend leute, die nichts mehr zu verlieren haben, die neuankömmlige wurden nicht willkommen geheissen. weshalb sie sich neue busse organisierten, und ein paar wagen (niemand weiß, wie sie das geschafft haben) und die 1600km nach adelaide hinter sich gebracht haben. hier sind sie nun, leben in einem matrazenlager in einem gemeindehaus, keiner fühlt sich zuständig. die polizei in alice springs sagt, es sei nicht mehr ihr problem, jene in adelaide sagt, die menschen gehören zurück in ihr dorf, wo sie aber “hausverbot” haben, die obdachlosen in adelaide sagen, die aborigine würden bevorzugt behandelt, weil sie sofort ein dach über dem kopf bekommen haben.

so weit zum fortschritt im gegenseitigen verständnis der whitefalls und blackfellas. krankheit, kriminalität, verderben. happy 25th anniversary!

da schreibe ich in den letzten posts über journalismus den keiner mehr bezahlen will und wie hier medienorganisationen stellung beziehen und nun stolpere ich vergangene woche über das allerschönste beispiel von missachtung journalistischer ethik auf allen ebenen. scheinbar zumindest.

eine freundin hatte mich zu einem vortrag geschleppt, auf den ich schon aufgrund des reißerischen titels (“The Lie that Built an Intervention”) nicht hingehen wollte. die “Intervention” bezeichnet eine reihe von regierungsmassnahmen, die der kindesmisshandlung, dem alkoholmissbrauch und der allgemeinen verwahrlosung der aborigines im northern territory einhalt gebieten sollen. wieso nur der aborigines im northern territory (nt) ? es das hat mehrere gründe

1.liegt es daran, dass das nt kein bundesstaat ist, wie z.b. südaustralien, sondern ein bundesterritorium. als solches hat es keine vollkommene legislative gewalt, will sagen, die bundesregierung darf für das nt gesetze erlassen, aber nicht für andere bundesstaaten.

2. das nt ist viermal so groß wie deutschland, hat aber nur rund 250 000 einwohner, ein drittel davon sind aborigines. keine andere region australien hat einen so hohen anteil an aborigines. die meisten davon wiederum leben nicht in den großen städten, sondern “in the bush”, irgendwo weit abseits von allem. die lethargie dort ist unbeschreiblich. ich arbeite  mit leuten zusammen, die schon draußen “on the lands” waren und von bezinschnüffelnden kindern, zusammengeschlagenen frauen und spielsüchtigen männern berichten.

die probleme der aborigines sind schon seit jahrzehnten bekannt, immer mal wieder gibt es eine neue untersuchung und neue maßnahmen. so auch der “little children are sacred” bericht, der im august 2006 von der howard-regierung in auftrag gegeben wurde, knapp sechs wochen nach einem bericht von abc lateline, einem investigativem nachrichtenprogramm. die abc, die öffentlich-rechtliche rundfunkanstalt, hat danach für sich proklamiert, dieser bericht “sparked the nt intervention”.

chris graham aber sagt, der bericht sei eine lüge. wobei lüge hier eine definitionssache ist. sagen wir: einige details sind der journalistischen arbeitsweise zum opfer gefallen. zum einen stehen journalisten ja unter enormen zeitdruck, da kann es nun eben mal passieren, dass man es nicht schafft, überhaupt an den ort zu kommen, über den man bericht. im zentrum des lateline bericht steht mutitjulu, eine aborigine community von 400 menschen, die im schatten des berühmten touristenzieles uluru a.k.a ayers rock liegt. 20km von mutitjulu entfernt gibt es für die touristen ein kleines vier-sterne-urlaubsdortf namens yulara. die produzenten des berichts haben es nie nach mutitjulu geschafft, nicht mal in die nähe. ihre bilder haben sie aus altem filmmaterial zusammengeschnitten, bzw. andere bilder stellvertretend benutzt. so zeigen sie z.b. jemanden, der benzin schnüffelt, eine staubige straße entlang laufen, im hintergrund eine gebirgslandschaft, die es aber in mutitjulu nicht gibt. nun denn, könnte man argumentieren, wenn es in mutitjulu aber auch benzinschnüffler gibt, dann war es vollkommen okay, die bilder zu nutzen. sie zeigen auch menschen, der gesichter sie verpixeln, deren namen sie aber nennen – eine ironie, denn bei 400 menschen kennt natürlich jeder jeden. okay, blöd gelaufen, da hat jemand nicht nachgedacht, jemand der eben in der vier-millionen-einwohner stadt sydney lebt, wo es mehr als einen “warren” gibt.

ist das alles was graham in petto hat, dachte ich mir. aber nein! es geht noch weiter, und da weiß ich nun nicht, ob ich darüber lachen oder heulen soll. die geschichte die lateline erzählt, handelt von einem mann, der benzin gegen sex mit minderjährigen tauscht, und dass ihn jeder kennt, aber aufgrund seiner stellung als ein stammesältester nicht verrät und auf diese weise ein organisierter sexhandel gedeckt wird.

was die geschichte aber nicht erzählt ist, dass

a)der mann um den es geht, acht monate vor austrahlung des berichts aus mutitjulu rausgeworfen wurde – wie konnten sie dass auch wissen, sie waren ja nie da und ihre aborigine zeugin, mantatjara wilson, hat selbst vor drei jahren mutitjulu verlassen. woher weiß graham das? er war da und hat nachgefragt! graham war jahrelang redakteur der “national indigenous times” und hat daher beste beziehungen zu aborigines, anders als ich, oder vermutlich 99 prozent der journalisten im land, hat er keine probleme eine besuchserlaubnis (die brauch man im nt, wenn man aborigine land betreten will) zu erhalten und mit leuten zu reden. man kennt ihn. was sagt die abc dazu? die sagt, sie hätten keine besuchserlaubnis erhalten. die behörde, die diese erlaubnisse ausstellt wiederum sagt, die abc hätte nie einen antrag gestellt. aussage  gegen aussage gegen aussage. meine meinung ist: bei einesm so brisanten bericht hätten sie dort hinfahren müssen, oder vorher klar machen, dass sie nicht dort waren, denn das erfährt man im bericht nicht.

b)dass die (weißen) ärzte des gesundheitszentrums dem mann über jahre hinweg viagra verschrieben, obwohl sein verhalten bekannt war, ein vermerk auf seiner akte war und sie von andere mitarbeitern darauf hingewiesen wurden. woher weiss graham das? jemand hat ihm die gesundheitsakte des mannes zugespielt.

c) dass der arzt, den lateline als zeuge nutzt, einer von diesen viagra-verschreibenden ärzten war, seine unterschrift ist in der akte. was sagt er dazu? es tut ihm leid. welche stellung hat er heute? er ist arzt an der maningrida clinic.

d) dass der andere zeuge, der als anonymer sozialarbeiter betitelt wird, tatsächlich der regierungsmitarbeiter greogory andrews ist, der nie in mutitjulu gelebt hat, sondern in der ressortstadt yulara, von wo er aus ab und an nach mutitjulu pendelte. wie konnte er erkannt werden? er war bekannt für einen hut den er trug, denselben, den er auch im beitrag abhat. abc hat zugegeben in fälschlicherweise als sozialarbeiter porträtiert zu habe. abc ist der meinung, dass man auch als pendelnder eine gute einsicht in die community hat. ich bezweifle das ja. aber vielleicht bin ich in dieser hinsicht auch zu sehr ethnologin. ich glaube, wenn man nicht gemeinsam mit den leuten im dreck geschlafen hat, dann weiß man nur die hälfte über sie. ist es nicht überall so, dass die nacht die besten geschichten erzählt?

und noch einiges mehr, dass ich vergessen habe. aber unten sind die links zum original vortrag. und die untersuchung der abc dazu steht hier.

wer ist eigentlich dieser chris graham? hier eine selbstbeschreibung:

By way of background about me, I am a Canberra-based journalist. I was the founding editor and still one of the owners of the National Indigenous Times newspaper. I’ve been in the media for more than 20 years, and started as a copyboy at the Sydney Morning Herald in the late 80s.

I’m a Walkley Award winning journalist – in 2004, I won a Walkley High Commendation for a series of articles which revealed the NSW lost and stolen wages and savings fraud. I also won a Human Rights Award – Print Media Category for the same articles. In 2005 I won the Excellence in Indigenous Affairs Reporting category in the Walkley Awards for a series of articles based on leaked federal cabinet documents. This story, infamously, saw the Australian Federal Police raid my home (a recurring theme!) and office trying to find the source of the leak.

was lernt man daraus: wenn man nur eine quelle hat, ist es keine story, sondern ein hören-sagen. man lernt, dass man eben doch lügt, wenn man sachen nicht erwähnt.  man lernt auch, dass man in vier wochen keine exklusivreportage über kindesmissbrauch machen kann, wenn man es nicht schafft vor ort zu sein. man lernt, wie wichtig es ist, vor ort zu sein und mit den menschen zu reden, über die man berichtet. man könnte gar so weit gehen zu sagen, dass man über koloniale verhältnisse im australischen journalismus lernt, denn ich finde, dass die wahre geschichte ist “ärzte verschreiben 70jährigem stadtbekanntem sex-straftäter viagra – über das dysfunktionale gesundheitssystem out bush”. man lernt, dass auch die öffentlich-rechtlichen fehler machen. man lernt viel über persönlichkeiten und ausreden. man lernt, dass man nicht erst eine idee haben sollte und sich dann alle gesprächspartner dazu zusammen sucht, um dann daraus etwas zu basteln. man lernt, dass man vorher die richtigen fragen stellen muss. man lernt den schwarzen peter kennen, von allen seiten.

und hier noch ein disclaimer: auch ich habe an dieser stelle grahams punkte nicht überprüft. ich finde die ganze sache ein schönes und trauriges beispiel, wie journaisten arbeiten, und wie unverständlich diese arbeitsweise für so manchen zuschauer ist. alle artikel, die “the australian” zum thema veröffentlicht hatten, erscheinen mit einem “404 error – page not found”, abgesehen von diesem hier. darin wird beschrieben, dass es eine beschwerde über den beitrag beim ABC internen “independent review panel” gab, und von 30 beschwerden 29 zurückgewiesen wurden. dieser bericht steht, wie oben bereits erwähnt, hier. ich finde, der untersuchungsausschuss hat es sich etwas einfach gemacht, in dem er viele aussagen als pure “meinungen” umdeklariert, die keine faktenbasis benötigen.

zu diskutieren wäre dann noch: wenn man besuchserlaubnisse braucht, um aborigine ländereien besuchen zu dürfen, wie kann über diese regionen berichtet werden, wenn den journalisten solche genehmigungen verweigert werden. wer kommt rein und wer nicht? oder gilt für diese “gated communities” das gleiche, wie für jene, die mit sicherheitszäunen und wachmännern ausgestattet sind: what happens inside, stays inside?

hier die links zu chris vortrag, den jemand vor ein paar wochen in melbourne gefilmt hat:

teil 1 (einfuehrung von tjanara goreng goreng, die dokumente gestohlen und weitergegeben haben soll, die den bericht von lateline entlarven)

teil 2 (einfuehrung von chris graham)

teil 3 (analyse)

teil 4 (über die rolle des arztes)

teil 5 (die folgen)

teil 6 (fragen aus dem publikum)

die auslandskorrespondenten der taz proben den aufstand. wunderbar! fuer mich ist dieses jahr in adelaide meine erste erfahrung als “auslandskorrespondentin”. ich traue mich gar nicht das wort ohne anfuehrungszeichen zu schreiben, denn aus dem regen berichten ist (aus meiner sicht) nicht viel geworden. nun denn, dachte ich anfangs, australien ist das ende der welt, da muss ich mich langsam heran tasten, an das was die herren und damen redakteure interessieren koennte. das erste halbe jahr war dementsprechend unproduktiv. es dauert ja auch eine weile ein informantennetzwerk im land aufzubauen.

aber dann wurde kevin rudd abgesetzt und alles ging schlag auf schlag, wahlen, verhandeln, stillstand. verhandeln und stillstand war auch bei mir angesagt. na klar, wahlberichterstattung wird man los ohne lange nach einem aufhänger suchen zu müssen. aber zu welchem preis? da stehen honorar und stress in einem solchen missverhaeltnis, dass ich beschlossen habe, das gleich wieder sein zu lassen. ich finde, man muss sich fuer seinen job nur bis zu einem gewissen grad erniedrigen.

“The most underused words in the news business today: let’s pass on that.”

schreibt dean starkman hat in der columbia journalism review ueber das hamsterrrad:

The Hamster Wheel isn’t speed; it’s motion for motion’s sake. The Hamster Wheel is volume without thought. It is news panic, a lack of discipline, an inability to say no. It is copy produced to meet arbitrary productivity metrics (Bloomberg!). It is “Sheriff plans no car purchases in 2011,” (Kokomo Tribune, 7/5/10). It is “Ben Marter’s Home-Cooked Weekend,” (Politico, 6/28/10): “Saturday morning, he took some of the leftover broccoli, onions, and mushrooms, added jalapenos, and made omeletes for a zingy breakfast.” Ben Marter is communications director for a congresswoman. It’s live-blogging the opening ceremonies, matching stories that don’t matter, and fifty-five seconds of video of a movie theater screen being built: “Wallingford cinema adding 3 screens (video),” (New Haven Register, 6/1/10). But it’s more than just mindless volume. It’s a recalibration of the news calculus. Of the factors that affect the reporting of news, an underappreciated one is the risk/reward calculation that all professional reporters make when confronted with a story idea: How much time versus how much impact? This informal vetting system is surprisingly ruthless and ultimately efficient for one and all. The more time invested, the bigger the risk, but also the greater potential glory for the reporter, and the greater value to the public (can’t forget them!). Do you fly to Chicago to talk to that guy about that thing? Do you read that bankruptcy examiner’s report? Or do you do three things that are easier?

und was kommt raus, wenn alle immer fein weiter im hamsterrad rennen? krishna bharat, der typ, der google news gegruendet hat, beschreibt es in the atlantic:

The Google News front page is a kind of air-traffic-control center for the movement of stories across the world’s media, in real time. “Usually, you see essentially the same approach taken by a thousand publications at the same time,” he told me. “Once something has been observed, nearly everyone says approximately the same thing.” He didn’t mean that the publications were linking to one another or syndicating their stories. Rather, their conventions and instincts made them all emphasize the same things. This could be reassuring, in indicating some consensus on what the “important” stories were. But Bharat said it also indicated a faddishness of coverage—when Michael Jackson dies, other things cease to matter—and a redundancy that journalism could no longer afford.

und leisten koennen sich das viele ja heute schon nicht mehr: “spesen? nee, geht nicht.”  und ich weiss schon gar nicht mehr, wer mir mehr leid tut: wir freien, oder die redakteure, die immer mit schlechtem gewissen im nacken, das honorar weitergeben, am ende meist ein “es tut mir leid” dran haengen, als waere es eine kondolenzbekundung. in gewissen sinne ist es ja auch eine.

ich habe ein paar artikel des nieman reports ueber die zunkunft der auslandsberichterstattung gelesen. dort schreibt john sawyer,vom pulitzer center on crises reporting, einer organisation, die auslandsberichterstattung unterstuetzen:

We’ve had projects in which we provided $15,000 and up in travel costs and journalists invested weeks or months of work—and national news media outlets have paid $1,000 or less for the articles they have published. An urgent part of our mission has become the identification of income streams for our journalists—from payment for talks we arrange on college campuses to the provision of income within our journalism grants themselves.

ergo: als journalist lebt man nicht mehr von dem honrar, dass man fuer einen text bekommt. um den text zu schreiben, muss man vorher sponsoren suchen oder spenden sammeln gehen, wie doug struck erzählt. weil das geld aber nie reicht, muss man neue netzwerke schaffen und alte umfunktionieren. und am ende könnten doch die menschenrechtsbeobachter die besseren journalisten sein, weil sie näher am menschen dran sind, und all das erfahren, was der freie korrespondent, der nur für diese eine story kommt, nie hören wird.

fazit:

What is clear in this experimentation is that foreign news coverage and correspondents no longer conform to a single elite model such as dominated the profession in the last century. Given the dedication and daring of innovators, new methods for gathering and delivering foreign news will continue to emerge.

ich nehme an, dass das aber etwas ist, was die streikenden taz-korrespondenten so weder hören, noch einsehen wollen. ich würde mich auch freuen, wenn das alles ein hässlicher traum wäre. dennoch sitze ich hier in australien, aufenthalt selbsorganisiert, finanziert vom besser stipendium der studienstiftung des deutsche volkes, versichert über die uni, am leben erhalten durch gute freunde.

die gedanken sind frei

September 9, 2010

wie gerne reden wir von der unabhängigkeit der medien, von ausgewogener berichterstattung, und der vierten macht im staate. rupert murdochs zeitung “the australian”, die einzige nationale tageszeitung des kontinents, hält davon weniger. heute stand im editorial:

We believe he (Senator Bob Brown) and his Green colleagues are hypocrites; that they are bad for the nation; and that they should be destroyed at the ballot box.The Greens voted against Mr Rudd’s emissions trading scheme because they wanted a tougher regime, then used the lack of action on climate change to damage Labor at the election. Their flakey economics should have no place in the national debate. We are particularly tired of Greens senator Christine Milne arguing that “green jobs need a real green economy to grow in”. What on earth can she mean?

liebe redakteure des “australian”, was christine milne meint, hat vor über einem jahr bereits die abc erklärt, vielleicht wäre es doch mal ganz gut, ab und an die webseiten der konkurrenz aufzusuchen.

fakt ist, wie “the australian” schreibt, dass die grünen die vorschläge zum emissionshandel (damals unter rudd) zurückgewiesen haben – weil es ihnen a)nicht weit genug ging und b) der industrie zu viele zugeständnisse gemacht wurden.da beschweren sie sich in dem text darüber, dass julia gillard keine visionen hat und im gleichen atemzug kanzeln sie die grünen ab, weil die sich für ihre visionen einsetzen. also meine herren, wie sieht es denn so mit den eigenen visionen aus? so ganz innovativ sind die ja wohl auch nicht:

For years, the RBA (=Reservce Band of Australia), like this newspaper, has argued for a comprehensive approach to addressing the infrastructure shortfalls that threaten to constrain national prosperity. Freeing up the bottlenecks, deregulating the labour market to improve productivity and approaching the mining boom as an opportunity, not a threat: these are the goals that should drive the thinking of the Prime Minister and her Treasurer.(…) We believe tax reform equals lower taxes, but we are not sure Labor agrees now that it has to answer to high-taxing Greens and rent-seeking regional independents.

wer diese ideen als basis hat, darf die wirtschaftspolitik der grünen auch gerne als “flakey”, also exzentrisch, bezeichnen. wie es dann überhaupt die ganze partei ist, mit einem schwulen vorsitzenden, der wegen widerstand gegen die staatsgewalt im knast war und sein wahlkampf mit hilfe von social media führt.

mir ist es total gleich, wer hier was denkt. ich finde es sogar lobenswert, dass sich menschen eine eigene meinung bilden. aber war es nicht irgendwann mal so, dass man die bei einem bier im pub dargelegt hat, oder auch auf dem eigenen blog? seit wann ist eine zeitung eine plattform dafür?  ich kann nur mit dem kopf schütteln. darf man das? darf man das wirklich?

nachtrag: ganz grossartigen kommentar dazu hat marieke hardy hier veröffentlicht und media watch, das programm, dass zum häufig (aber nicht immer) die medienaufsichtsbehörde ersetzt, hat hier die gesamte berichterstattung über die grünen im “the australian” dargelegt. nice!

und es ist ein maedchen!

September 7, 2010

17 tage spaeter gibt es eine regierung in australien-und es ist ein maedchen! 76 fuer labour, 74 fuer die liberalen. wir sassen alle vor einem fernseher in der radiostation, um uns die historische rede (zitat tony windsor) der beiden parteilosen anzuhoeren, die das zuenglein an der waage waren. herzlichen glueckwunsch, australien! da kann man nur die daumen druecken, dass die regierung auch haelt. eine umfrage kam am wochenende zu dem ergebnis, dass immerhin ein viertel der bevoelkerung fuer neuwahlen ist.

konferenz-blablabla

September 2, 2010

gestern war ich in melbourne, der grossen stadt. die swinburne university hat ein konferenz zum thema “new news 2010” veranstaltet. im prinzip hat man in australien dieselben sorgen wie in deutschland – leserschwund, auflagenschwund, anzeigenschwund, geldschwund, qualitaetsschwund – nur auf einem kleineren und staerker konzentrierten markt.

bei den meisten panels war die diskussion zu vorhersehbar: eine idee wie man im internet geld verdienen kann, hat auch hier keiner. deshalb habe ich mir nur ausgewaehlte diskussionen angehoert und jetzt habe ich mehr fragen als antworten. die wichtigste: “kann mal einer die tuer vom huehnerstall zumachen, damit das wilde gackern nicht mehr alles uebertoent?”

ein panel hiess: “leadership in journalism”, aber darum ging es nicht, es war “leadership (government) and journalism”. da sassen also der chefredakteur/in von “the age” und “herald sun”, von “crickey.com.au” und “abc” und philosophierten ueber die rolle der medien in der letzten wahlkampagne. dabei haette man das in einem satz zusammenfassen koennen: die medien waren marionetten der politiker. kaum kritisches hinterfragen, keiner hat mal laut geschrien und diese praxis der kontrolle der medien durch die staatsoberen angeklagt. nein, immer fein mit in den wahltourbus eingestiegen. den ganzen wahnsinn hat annabel crab von der abc sehr schön beschrieben. da erklaert der herr von “the age”, dass leser nur noch sachen lesen, die sich in ihrer “comfortzone”, ihrem wohlfuehlbereich, bewegen – aber hallo, die journalisten bleiben doch auch fein in ihrer “comfortzone”. wo sind denn bitte die inhalte, die den leser herausfordern wuerden? alle waren sich sicher, dass die bedeutung des journalisten nicht schrumpft (das muss man ja auch glauben, wenn man in diesen positionen arbeitet), aber ueber die veraenderte rolle haben sie dann nicht diskutiert. die vierte macht im staat sind medienmacher ja wohl schon lange nicht mehr. kleine ego-bestaetigungs-maschinen fuer ihr publikum, und das zu einem guenstigeren preis als jeder irrenarzt (dieser begriff ist nicht p.c. und umfasst psychologen, psychiater, kinesiologen, heilpraktiker, frisoere, beauty salon angestellte, baeckereifachangestellte, bierzapfer und wo die menschen sonst noch ihr herz ausschuetten.)

am ende der veranstaltung, hab ich mich tatsaechlich gemeldet und auf meinem stuhl gewippt. was ich gerne gefragt haette waere dies:

this panel is called “leadership in journalism”. to lead implies that there is an aim you are heading to. you talked about the internet and new ventures and experiments, but i can’t figure out the overall aim. is it just survival of your company or is there a higher aim behind it? or maybe non at all? in short: is there still leadership in journalism?

natuerlich habe ich das mikro nicht bekommen, sondern die grauen herren mit den hemden und die frauen mit den kostuemen. und die haben minutenlang ihr wissen ausgebreitet, was keinen interessierte, um dann zu fragen: “so, what do you think of that?” – und der diskussikonsleiter hatte natuerlich nicht den mumm zu sagen: “sorry, but this is a public forum and we are not here to discuss your personal opinions. feel free to do that with the panelists over a cup of tea later on.” soviel also zu “leadership”.

5 537 217 : 5 537 348

August 31, 2010

red! blue!

red! blue!

 

10 tage nach der wahl gibt es noch immer kein ergebnis. heute hat adam bandt einen deal mit labour gemacht, was bedeutet 73 menschen im roten team und 73 im blauen  – und vier auf der bank. auch in stimmprozenten herrscht gleichstand, fast zumindest, die liberalen haben 131 stimmen mehr als labour. 131 von rund 11 millionen (soviele sind ausgezaehlt , knapp ueber 80 prozent).  

fifty - fifty

fifty - fifty

 

die politikjournalisten und kommentatoren tun mir leid, seit tagen erzaehlen sie das gleiche, muessen nachrichten aus dem hut zaubern, immer wieder dieselben daten analysieren, interpretieren, im hinblick auf dies und das, rueckblickend abwarten. ich trete fuer diese woche in den nachrichtenstreik.