Formen des Sterbens

December 7, 2010

Dieses Jahr war gepraegt von Bergbauungluecken. Doch Minenunfälle hat es schon immer gegeben. In Broken Hill, dem Geburtsort von bhp-billiton, kann man diverse Formen des Sterbens betrachten.

Der Staub kriecht in die Nase, in die Ohren, legt sich über die Augen. Man muss ständig blinzeln, es könnte auch an der Sonne liegen. Sie blendet, selbst dann, wenn sie von der roten Erde reflektiert wird. der Friedhof von Broken Hill liegt am Highway. Die Autos und Trucks donnern vorbei, raus aus Broken Hill, in Richtung weite Welt. Die Autos, die nach Broken Hill hineinfahren, sind langsamer, als würden sie sich an die Geschwindkeit des Landlebens anpassen. Broken Hill ist eine alte Minenstadt im Outback. Die nächste Stadt ist Adelaide, 650 Kilometer nordöstlich gelegen. Dazwischen gibt es nur kleine Dörfer, die aus einer Handvoll Häuser bestehen. Broken Hill ist die Heimat von bhp-billiton, dem Bergbaugiganten. bhp, das steht für Broken Hill Proprietary. Hier mitten im Nirgendwo fing alles an. Auf dem Friedhof kann man nicht nur die Geschichte der Firma verfolgen, sondern auch jegliche Formen des Sterbens in Minen kennenlernen.

George Urquart war einer der sieben Gründer von bhp. „Das Syndikat der Sieben“ hat man sie genannt. Die sieben Männer arbeiteten zusammen auf der Schaffarm Mount Gipps Station. Charles Rasp kontrollierte die Weidezäune an den Grenzen der Farm, sie umfasste knapp 3600 Quadratkilometer, in etwas die Größe von Mallorca. Rasp war ein deutscher Chemiker, der aus gesundheitlichen Gründen 1869 nach Australien auswanderte. Eines Tages im September 1883, entdeckte er etwas, das er für Zinn hielt in einem Gebiet, das der Entdecker Charles Stuart als „Broken Hill“ in einem Tagebuch bezeichnete. Die gebrochenen Hügel gibt es längst nicht mehr, sie sind abgetragen worden. Stattdessen wird die Stadt von einer riesigen Dreckhalde zerteilt, die die Bergbauarbeiten im Laufe der Jahrhunderte hinterlassen haben. Die Stadt ist organisch um die Halde herumgewachsen. Hier war es, wo die erste Mine der Stadt entstand. Die Stadt sitzt auf dem Silber-Bleierz.

1885 stiess das Syndikat der Sieben auf Erz, nur ein Jahr später starb der erste Arbeiter. John Vaugham war noch ein Kind, kaum 14 Jahre alt. Er schuftete als Erzsortierer im Block 13, als er in eine Grube fiel. Die Kopfverletzungen waren toedlich.

Weisse Kakadus sitzen in den Eukalyptusbäumen auf dem Friedhof, drehen ihre Runden über den Gräbern. Zikaden zirpen unablaessig. Auf den Gräbern lieben Plastikblumen unter Glasglocken, doch selbst sie sind rötlich-braun vom Wüstensand eingestaubt.

“Es gab nur drei grosse Unglücke in den Minen von Broken Hill”, sagt Stan Goodman. Der ehemalige Kumpel hat die zehn Jahre damit verbracht, die tote Bergarbeiter zu katalogisieren. Er hat Verwandte, deren Überreste noch Untertage liegen und er selbst hat Leute verloren, als er Vorarbeiter war. Später war er Sicherheitsbeauftragter und kennt all die Probleme, die es auch heute noch gibt. Einbrechende Stollen sei die Haupttodesursache sagt er. Rund 800 Leute kamen in den Minem von Broken Hill seit 1885 ums Leben, neun davon starben beim schwersten Ungluexk, dass die Stadt erlebt hat, im September 1895.

Vermutlich war es ein Tag wie jeder andere fuer William Arthur, der von seinen Freunden wohl Bill genannt wurde. Zum Frühstück machte seine Frau Porridge, er verabschiedete sich mit einem Kuss von seinen drei Kindern und dann fuhr er an das südliche Ende von Broken Hill, zur South Silver Mine. Er arbeitet unter Tage, gemeinsam mit acht Anderen. Die Gänge in 400 Fuss Tiefe waren mit Holz ausgkleidet, es roch feucht und muffig. Ploetzlich flog Bill durch die Luft, kracht gegen die Wand, seine Rippen brachen. Ein Stollen war eingestürzt und die Luftdruckwelle die durch den Gang rauschte, toetete Bill und seine Kollegen. Nur sechs Jahre später passierte das nächste Unglück: Ein Stollen begrub sechs Arbeiter unter sich.Wieder war es in der South Mine. “In der North Mine wurde erst viel später mit dem Abbau begonnen, da hatte man schon aus den Unfällen der South Mine gelernt”, so Goodman.

Broken Hill war eine Boomstadt. Sie hatte 1891 bereits 21000 Einwohner. Während des ersten Weltkrieges als Erz überall begehrt war, arbeiten 10 000 Menschen im Bergbau – nie wieder sollten es so viele sein. Doch niemand weiss, wieviele von ihnen an de Spätfolgen ihres Jobs gestorben sind: Lungenkrankheiten, Rauchvergiftungen, zu viel Blei im Blut. Auch Goodman hat keine Ahnung, er hat nur Unfallopfer in seine Statstik aufgenommen. John Georg Armitt wurde vermerkt. Er trat früh in die Fußstapfen seines Vaters, der auch Kumpel war. Doch bereits im Alter von 12 Jahren starb er an einer Rauchvergiftung verursacht durch die Sprengungen im Stollen und das nicht-vorhandene Belüftungssystem.

Die Arbeitsbedingungen in den Minen waren katstrophal. “Viele starben auch an Herzinfarkten, weil die Arbeit so hart war”, sagt Goodman. Percy Brookfield hat das um die Jahrhundertwende selbst erfahren. Bevor er in die Politik ging, war auch er Bergarbeiter. Er wusste, wofür er kämpfte, als er sich 1916 für eine 44Stunden Woche einsetzte. Auf dem Friedhof steht ein Monument ihm zu Ehren. Lange konnte man den Job in den Anfangszeiten des Bergbaus trotzdemmnicht machen, der Körper laugte schnell aus. Doch mit den Maschinen, die sie Arbeit erleichterten, verschwanden die Jobs. Während in den 50ern noch 5000 Menschen vom Erz lebten, sind es heute grade mal 300. Anfang des Jahres standen über 500 der 8000 Gebäude der Stadt zu Verkauf. Die Chloride Street und Sulphur Street und Bromide Street sind wie leergefegt, kaum jemand verirrt sich nach Broken Hill. In der Mitte der Stadt thront die Gedenkstätte für die verstorbenen Kumpel auf der Halde, ein Mahnmal ohne Publikum.

Am hinteren Ende des Friedhofs liegt die bekannteste Persönlichkeit dee Stadt begraben, der Maler Charles “Pro” Hart. Auch er ein Bergarbeiter, der nebenbei malte. Haeufiges Motiv: Minenschaechte. Hinter Pro Harts letzter Ruhestätte steht eine Ansammlung schwarz gekleideter Menschen unter einem Pavillion, vor ihnen ein frisch ausgehobenes Grab, der Bereich aussenrum ist mit Kunstrasen ausgelegt. Zwei Mädchen schlendern an mir vorbei, ihr schwarzen Lackschuhe voller Staub. “Was sollen wir jetzt machen?” fragte eine von ihnen. “Wir gehen zu mir und legen uns in den Pool, was sonst?”

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