bildung gegen cash, integration für umme

November 5, 2010

vor kurzem hat mir jemand, der grade nach australien eingewandert ist, seine zeitung geschenkt. eine (nun) zwei monate alte frankfurter allgemeine sonntagszeitung.

heute morgen musste ich dem kinderameisenhaufen in unserem haus entkommen, habe mich in die frühlingssonne gesetzt, das papier hat geknistert als ich es ausbreitete, ich habe die stinkenden autos (keine emissionsbeschränkungen), die tief fliegenden flugzeuge (einflugschneise) und die klickende solaranlage vergessen – und muse walten lassen.

in dieser meiner (uralten) fas vom 5.9. hat claudius seidl ueber sarrazins geplapper und die kindererziehung im lande geschrieben (überschrift: die katastrophe hat laengst begonnen). er erzählt, wie die mütter der mittelschicht ihre kinder durch die stadt kutschieren, um sie auf anständige schulen zu schicken und sie somit integration verhindern. denn es brauche eine mehrheit um eine minderheit zu integrieren. wenn aber die mehrheit ihre kinder aus dem bunt durchmischten stadtviertel entfernt, um sie auf “bessere” schulen zu bringen, geht das konzept nicht auf. sarrazin empfiehlt: kindergartenpflicht, strenge, disziplin.

nun denn – hier bin ich, in australien, bekannt für multikulti. die mehrheit, die ganze nation, besteht hier aus minderheiten. die australier, die eigentlich in der dritten generation italienier sind, oder in der zweiten vietnamesen oder binational, weil mama deutsche und der vater australier ist.

mein sohn geht hier zur schule. zur schule können kinder mit 4,5 jahren gehen, aber davor gibt es keine kinder-ablade-stelle. jedenfalls keine staatlich organisierte. das ist alles in privater hand und dementsprechend teuer. wie teuer? zwei mal pro woche, morgens für drei stunden betreuung, ohne essen, 10 wochen lang (ein quartal) kostet rund 600 dollar, 450 euro. ist also nichts mit der kindergartenpflicht, die sarrazin vorschlägt.

und schulpflicht? gibt es auch nicht. es gibt bildungspflicht. aber das ist ja definitionssache. was ist bildung? als ich kürzlich meine eltern zu besuch kamen, und wir ein bisschen das land erkundeten, war mein sohn 10 tage vom unterricht abwesend. und was sagen die lehrer dazu? PRIMA, beim reisen lernen die kinder so viel, über die umwelt und soziale werte – das ist viel besser als schule! ich erinnere mich, dass meine eltern, vor 20 jahren, jedes mal eine standpauke erhalten haben, wenn sie uns zwei tage vor dem offiziellen ferienbeginn schon in den urlaub entführten. ich nehme an, das hat sich nicht geändert, denn bevor ich deutschland verliess, ende 2009, mein sohn war 5,5 jahre alt, hatte ich bereits zwei briefe einer schule im briefkasten, die mich belehrten, ich müsste meinen sohn anmelden, und falls es nicht passiert, müssten sie mich dem schulverwaltungsamt melden. als ich dort anrief und sagte, wir gehen ins ausland, wurde mir mitgeteilt, ich müsste eine schulbescheinigung von dort beibringen – aber schulbescheinigungen? hahaha, die gibt es hier nicht. zeugnisse im übrigen auch nicht. jedenfalls nicht in den ersten klassen.

eigentlich, gibt es nicht einmal klassen. kinder im alter von 5 bis 7 jahren sitzen in einem raum und “lernen” zusammen. ich schreibe lernen in anführungszeichen, da ich, mit meiner deutschen engstirnigkeit, es nicht als lernen bezeichnen kann. es entspricht der vorschulklasse im deutschen kindergarten. sie malen und basteln und lernen ein paar buchstaben. von mathe hat mir mein sohn noch nie etwas erzählt. wörter richtig schreiben, ist auch ziemlich egal. dafür gibt es “show and tell”, eine veranstaltung, bei der jedes kind, immer morgens, einen gegenstand mitbringen muss und darüber etwas erzählen. sie lernen vortragen, small talk und ganz nebenbei die kultur der anderen kennen. denn in der klasse sitzen alle hautfarben und augenformen. und jeder kommt irgendwie durch die schule. nach deutschem masstab würden wir sagen: es herrscht schludrian. nichts mit strenge und disziplin. ausser bei den schuluniformen, die müssen immer schön getragen werden. äußerliche einheit der klassen, schul – wie auch sozialen klassen.

nun denn, öffentliche schule. vielleicht lernen (ohne anführungszeichen) die kinder auf der privaten etwas, dachte ich mir, und sprach mit einer bekannten, die 1000$ pro monat für die schule ihres kindes zahlt. “was machen die schule so besonders, was ist das beste?” fragte ich sie. und sie erzählte, dass die lehrer mit den kindern in den park gehen und käfer sammeln, um sie unter der lupe zu betrachten. ich wusste nicht, ob ich darüber lachen oder heulen sollte – das ist das beste an einer schule, die 12000 $ oder 9000 euro pro jahr kostet? das hat mein sohn im kindergarten gemacht, als er vier war. dort hatten sie auch einen gemüsegarten; hasen, um die sie sich kümmern konnten, und eine französisch gruppe. öffentlicher kindergarten, zum normalen satz, im osten deutschlands.

mmhh… ich bin voreingenommen, dachte ich, und sprach mit einer deutschen, die ich zufällig kennenlernte und die lehrerin ist. sie arbeitet an einer schule, die mindestens 15 000$ im jahr kostet, für die unteren klassen, die höheren klassen sind teurer. “es entspricht dem niveau einer normalen deutschen schule”, sagt sie.

bildung, im deutschen sinne, gibt es also nur gegen cash. integration, im un-deutschen sinne, gibt es hingegen für umme.

was machen die hier, was wir nicht machen? hier gibt es ein willkommensprogramm für kinder. neu angekommene kinder, die kein englisch können, gehen zu “new-arrival-programms” (naps) , wo sie intensiv englisch lernen, in kleinen gruppen. die naps finden aber nicht irgendwo im asylbewerberheim oder sonstwo im halbdunkeln statt, sondern in den ganz normalen schulen. die kinder lernen die sprache also unabhängig von den eltern und durchmischen sich gleichzeitig mit den anderen “australiern” oder australiern-to-be. und das ist das zweite was die australier haben, was wir nicht haben. oder besser umgekehrt. die australier sind keine kulturnation, tragen keine nationale bürde vom holocaust, sind nicht die nation der philosophen und denker. die australier haben weniger kulturelle arroganz (aka stolz) als wir deutschen. was die australier gemeinsam haben ist, dass sie alle einwanderer sind, und jeder von ihnen einmal ganz von vorne anfangen musste.

alle, außer einer gruppe: den aborigines. sie sind die unintegrierte problemgruppe. sie hat niemand willkommen geheissen (wie auch, es war ja ihr land) und sie kommen in kein nap programm. schlimmer, sie haben eigene schulen, wo ihre eltern sie nicht hinkarren können, weil sie im knast sitzen oder sonstwie abwesend sind. auch in einer ansammlung von minderheiten gibt es eine gruppe, die die ultimative minderheit ist.

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