wie journalismus nicht sein sollte…

September 23, 2010

da schreibe ich in den letzten posts über journalismus den keiner mehr bezahlen will und wie hier medienorganisationen stellung beziehen und nun stolpere ich vergangene woche über das allerschönste beispiel von missachtung journalistischer ethik auf allen ebenen. scheinbar zumindest.

eine freundin hatte mich zu einem vortrag geschleppt, auf den ich schon aufgrund des reißerischen titels (“The Lie that Built an Intervention”) nicht hingehen wollte. die “Intervention” bezeichnet eine reihe von regierungsmassnahmen, die der kindesmisshandlung, dem alkoholmissbrauch und der allgemeinen verwahrlosung der aborigines im northern territory einhalt gebieten sollen. wieso nur der aborigines im northern territory (nt) ? es das hat mehrere gründe

1.liegt es daran, dass das nt kein bundesstaat ist, wie z.b. südaustralien, sondern ein bundesterritorium. als solches hat es keine vollkommene legislative gewalt, will sagen, die bundesregierung darf für das nt gesetze erlassen, aber nicht für andere bundesstaaten.

2. das nt ist viermal so groß wie deutschland, hat aber nur rund 250 000 einwohner, ein drittel davon sind aborigines. keine andere region australien hat einen so hohen anteil an aborigines. die meisten davon wiederum leben nicht in den großen städten, sondern “in the bush”, irgendwo weit abseits von allem. die lethargie dort ist unbeschreiblich. ich arbeite  mit leuten zusammen, die schon draußen “on the lands” waren und von bezinschnüffelnden kindern, zusammengeschlagenen frauen und spielsüchtigen männern berichten.

die probleme der aborigines sind schon seit jahrzehnten bekannt, immer mal wieder gibt es eine neue untersuchung und neue maßnahmen. so auch der “little children are sacred” bericht, der im august 2006 von der howard-regierung in auftrag gegeben wurde, knapp sechs wochen nach einem bericht von abc lateline, einem investigativem nachrichtenprogramm. die abc, die öffentlich-rechtliche rundfunkanstalt, hat danach für sich proklamiert, dieser bericht “sparked the nt intervention”.

chris graham aber sagt, der bericht sei eine lüge. wobei lüge hier eine definitionssache ist. sagen wir: einige details sind der journalistischen arbeitsweise zum opfer gefallen. zum einen stehen journalisten ja unter enormen zeitdruck, da kann es nun eben mal passieren, dass man es nicht schafft, überhaupt an den ort zu kommen, über den man bericht. im zentrum des lateline bericht steht mutitjulu, eine aborigine community von 400 menschen, die im schatten des berühmten touristenzieles uluru a.k.a ayers rock liegt. 20km von mutitjulu entfernt gibt es für die touristen ein kleines vier-sterne-urlaubsdortf namens yulara. die produzenten des berichts haben es nie nach mutitjulu geschafft, nicht mal in die nähe. ihre bilder haben sie aus altem filmmaterial zusammengeschnitten, bzw. andere bilder stellvertretend benutzt. so zeigen sie z.b. jemanden, der benzin schnüffelt, eine staubige straße entlang laufen, im hintergrund eine gebirgslandschaft, die es aber in mutitjulu nicht gibt. nun denn, könnte man argumentieren, wenn es in mutitjulu aber auch benzinschnüffler gibt, dann war es vollkommen okay, die bilder zu nutzen. sie zeigen auch menschen, der gesichter sie verpixeln, deren namen sie aber nennen – eine ironie, denn bei 400 menschen kennt natürlich jeder jeden. okay, blöd gelaufen, da hat jemand nicht nachgedacht, jemand der eben in der vier-millionen-einwohner stadt sydney lebt, wo es mehr als einen “warren” gibt.

ist das alles was graham in petto hat, dachte ich mir. aber nein! es geht noch weiter, und da weiß ich nun nicht, ob ich darüber lachen oder heulen soll. die geschichte die lateline erzählt, handelt von einem mann, der benzin gegen sex mit minderjährigen tauscht, und dass ihn jeder kennt, aber aufgrund seiner stellung als ein stammesältester nicht verrät und auf diese weise ein organisierter sexhandel gedeckt wird.

was die geschichte aber nicht erzählt ist, dass

a)der mann um den es geht, acht monate vor austrahlung des berichts aus mutitjulu rausgeworfen wurde – wie konnten sie dass auch wissen, sie waren ja nie da und ihre aborigine zeugin, mantatjara wilson, hat selbst vor drei jahren mutitjulu verlassen. woher weiß graham das? er war da und hat nachgefragt! graham war jahrelang redakteur der “national indigenous times” und hat daher beste beziehungen zu aborigines, anders als ich, oder vermutlich 99 prozent der journalisten im land, hat er keine probleme eine besuchserlaubnis (die brauch man im nt, wenn man aborigine land betreten will) zu erhalten und mit leuten zu reden. man kennt ihn. was sagt die abc dazu? die sagt, sie hätten keine besuchserlaubnis erhalten. die behörde, die diese erlaubnisse ausstellt wiederum sagt, die abc hätte nie einen antrag gestellt. aussage  gegen aussage gegen aussage. meine meinung ist: bei einesm so brisanten bericht hätten sie dort hinfahren müssen, oder vorher klar machen, dass sie nicht dort waren, denn das erfährt man im bericht nicht.

b)dass die (weißen) ärzte des gesundheitszentrums dem mann über jahre hinweg viagra verschrieben, obwohl sein verhalten bekannt war, ein vermerk auf seiner akte war und sie von andere mitarbeitern darauf hingewiesen wurden. woher weiss graham das? jemand hat ihm die gesundheitsakte des mannes zugespielt.

c) dass der arzt, den lateline als zeuge nutzt, einer von diesen viagra-verschreibenden ärzten war, seine unterschrift ist in der akte. was sagt er dazu? es tut ihm leid. welche stellung hat er heute? er ist arzt an der maningrida clinic.

d) dass der andere zeuge, der als anonymer sozialarbeiter betitelt wird, tatsächlich der regierungsmitarbeiter greogory andrews ist, der nie in mutitjulu gelebt hat, sondern in der ressortstadt yulara, von wo er aus ab und an nach mutitjulu pendelte. wie konnte er erkannt werden? er war bekannt für einen hut den er trug, denselben, den er auch im beitrag abhat. abc hat zugegeben in fälschlicherweise als sozialarbeiter porträtiert zu habe. abc ist der meinung, dass man auch als pendelnder eine gute einsicht in die community hat. ich bezweifle das ja. aber vielleicht bin ich in dieser hinsicht auch zu sehr ethnologin. ich glaube, wenn man nicht gemeinsam mit den leuten im dreck geschlafen hat, dann weiß man nur die hälfte über sie. ist es nicht überall so, dass die nacht die besten geschichten erzählt?

und noch einiges mehr, dass ich vergessen habe. aber unten sind die links zum original vortrag. und die untersuchung der abc dazu steht hier.

wer ist eigentlich dieser chris graham? hier eine selbstbeschreibung:

By way of background about me, I am a Canberra-based journalist. I was the founding editor and still one of the owners of the National Indigenous Times newspaper. I’ve been in the media for more than 20 years, and started as a copyboy at the Sydney Morning Herald in the late 80s.

I’m a Walkley Award winning journalist – in 2004, I won a Walkley High Commendation for a series of articles which revealed the NSW lost and stolen wages and savings fraud. I also won a Human Rights Award – Print Media Category for the same articles. In 2005 I won the Excellence in Indigenous Affairs Reporting category in the Walkley Awards for a series of articles based on leaked federal cabinet documents. This story, infamously, saw the Australian Federal Police raid my home (a recurring theme!) and office trying to find the source of the leak.

was lernt man daraus: wenn man nur eine quelle hat, ist es keine story, sondern ein hören-sagen. man lernt, dass man eben doch lügt, wenn man sachen nicht erwähnt.  man lernt auch, dass man in vier wochen keine exklusivreportage über kindesmissbrauch machen kann, wenn man es nicht schafft vor ort zu sein. man lernt, wie wichtig es ist, vor ort zu sein und mit den menschen zu reden, über die man berichtet. man könnte gar so weit gehen zu sagen, dass man über koloniale verhältnisse im australischen journalismus lernt, denn ich finde, dass die wahre geschichte ist “ärzte verschreiben 70jährigem stadtbekanntem sex-straftäter viagra – über das dysfunktionale gesundheitssystem out bush”. man lernt, dass auch die öffentlich-rechtlichen fehler machen. man lernt viel über persönlichkeiten und ausreden. man lernt, dass man nicht erst eine idee haben sollte und sich dann alle gesprächspartner dazu zusammen sucht, um dann daraus etwas zu basteln. man lernt, dass man vorher die richtigen fragen stellen muss. man lernt den schwarzen peter kennen, von allen seiten.

und hier noch ein disclaimer: auch ich habe an dieser stelle grahams punkte nicht überprüft. ich finde die ganze sache ein schönes und trauriges beispiel, wie journaisten arbeiten, und wie unverständlich diese arbeitsweise für so manchen zuschauer ist. alle artikel, die “the australian” zum thema veröffentlicht hatten, erscheinen mit einem “404 error – page not found”, abgesehen von diesem hier. darin wird beschrieben, dass es eine beschwerde über den beitrag beim ABC internen “independent review panel” gab, und von 30 beschwerden 29 zurückgewiesen wurden. dieser bericht steht, wie oben bereits erwähnt, hier. ich finde, der untersuchungsausschuss hat es sich etwas einfach gemacht, in dem er viele aussagen als pure “meinungen” umdeklariert, die keine faktenbasis benötigen.

zu diskutieren wäre dann noch: wenn man besuchserlaubnisse braucht, um aborigine ländereien besuchen zu dürfen, wie kann über diese regionen berichtet werden, wenn den journalisten solche genehmigungen verweigert werden. wer kommt rein und wer nicht? oder gilt für diese “gated communities” das gleiche, wie für jene, die mit sicherheitszäunen und wachmännern ausgestattet sind: what happens inside, stays inside?

hier die links zu chris vortrag, den jemand vor ein paar wochen in melbourne gefilmt hat:

teil 1 (einfuehrung von tjanara goreng goreng, die dokumente gestohlen und weitergegeben haben soll, die den bericht von lateline entlarven)

teil 2 (einfuehrung von chris graham)

teil 3 (analyse)

teil 4 (über die rolle des arztes)

teil 5 (die folgen)

teil 6 (fragen aus dem publikum)

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