no dead air

May 9, 2010

no dead air (photo by markus wegner-parszyk)

sonntag morgen, 8:47 uhr, mein telefon klingelt. herr k. ist dran, er kommt nicht in unser funkhaus rein, muss aber in 13 minuten unsere show moderieren. schöner mist! ich bin also nun an dem punkt an dem man mich, die ausländerin im freiwilligendienst, am wochenende anruft und um rat fragt. ich bin sozusagen befördert worden, zur ressortleiterin, oder so etwas in der art.

meine show heisst “barometer” und beschäftigt sich mit dem klimawandel, mit umweltschutz und dem “ethic way of life”. mein team besteht aus vier freiwilligen, keiner ist 100 prozent “commited”, keiner hat eine journalistische ausbildung genossen, keiner kennt sich in den geowissenschaften aus. sie wollen alle nur mal radio machen. eine viel bessere schulung in mitarbeiterführung kann ich wohl nicht bekommen. “das ganze ist mehr als die summe seiner teile”, denke ich mir jeden tag, während ich auf den nächsten anruf mit dem nächsten desaster warte.

vergangene woche wollte herr g. ,ein überambitionierter mittvierziger, ein interview organisieren. auf dem flyer, den er hatte stand drauf: “this is a zero waste event” – was soviel heisst wie: du musst deinen müll wieder mit nach hause nehmen. herr g. aber dachte, es sei ein event, der von der regierungsorganisation “zero waste” veranstaltet wird. es hatte ihn nicht verwundert, dass es bei der messe weder um müll, noch um recycling ging. er also rief bei “zero waste” an und da die person, die er verlangte, dort nicht existierte, sprach er eben mit einer anderen person, die überhaupt nicht wusste, wovon er sprach, aber – aus höflichkeit wohl – versuchte, trotzdem alle fragen zu beantworten. das ergebnis verkorkst zu nennen, wäre ein kompliment. diese woche, nach der veranstaltung, meldet sich der ursprüngliche interviewpartner und herr g. spricht mit ihm, ohne aber einen aufhänger für die geschichte zu haben.

frau s. ist sehr smart und die einzige mit einer wissenschaftlichen ausbildung im team. ihre interviews sind so “sophisticated”, dass ich sie daran erinnern muss, dass vielleicht nicht jeder weiß, was “constituencies” sind, und das wort “voters” angebrachter wäre. sie hat acht stunden gebraucht, um ein 20-minütiges interview auf die hälfte zu kürzen. wobei als regel gilt: interviews sollten zwischen vier und sieben minuten lang sein.

herr k. macht keine eigenen interviews, er macht überhaupt keine beiträge, was er mir aber erst vergangene woche gesagt hat, nachdem ich ihn fragte, warum er nie auf meine themenvorschläge reagiert. er wisse nicht, wie man telefoninterviews macht, er könne aber live-interviews machen. ansonsten durchforstet er alle anderen englischsprachigen radio- und fernsehkanäle nach interessanten beiträgen, die wir dann übernehmen. copyrightprobleme? nein, die gäbe es nicht, versichert mir meine chefin, da wir eine community station sind und daher nicht kommerziell arbeiten. aha.

herr b. ist im urlaub. seit wochen bereits. bei unserer ersten redaktionssitzung war er dabei. und moderiert hat er auch bereits. aber nun ist er im urlaub. also vielleicht besteht mein team auch nur aus drei freiwilligen. was sehr schlecht wäre, denn sonntags, zur showtime, arbeiten sie in zweierteams. einer präsentiert, einer stellt die show online. theoretisch. praktisch ist unsere webseite vier wochen alt. zwei wochen hat es gedauert, bis man (a.k.a. die zuständigen universitätsangehörige) uns das passwort für die webseite mitteilte. weitere zwei wochen hat es gedauert, bis mein team mir erklärte, es wüsste gar nicht, wie man so eine wordpress seite benutzt. nächste woche mache ich also einen workshop “wordpress for dummies”.

seit anbeginn der show möchte ich gerne ein “package” produzieren, eine mischung aus o-tönen, sprechertext, geräuschkulisse, musik und was man sonst noch so findet. seit wochen habe ich keine zeit dafür. der einzige beitrag, den ich produziert habe, und den ich gelungen fand, war für “the wire” – an independent news and current affairs show. nun bin ich doch die teilzeitmanagerin, die ich nicht sein wollte. teilzeit, weil “barometer” ja nicht die einzige show ist, für die ich arbeite.

für das frühstücksradio bin ich so etwas wie eine sekretärin: peter gibt mir ein thema und manchmal auch noch mehrere mögliche interviewpartner dazu, und ich muss sie anrufen, und ein interviewtermin für den nächsten morgen festlegen und anschließend ein kurzes interviewbrief schreiben, was keinen sinn macht, da peter ja das themeaausgewählt hat und deshalb ohnehin meist mehr darüber weiß, als ich schaffe in einem tag herauszufinden.

für “the wire” bin ich ein ganz normale mitarbeiterin. juchu! themen raussuchen, recherchieren, interviewen, auf die straße gehen und passanten befragen, story zusammenbauen, sprechertext schreiben, und das ganze online stellen. jeden mittwoch und donnerstag. “the wire” wird nämlich national ausgestrahlt, über das netzwerk der community radios. da muss die qualität stimmen und deswegen wird auch mal gemeckert. das finde ich gut, denn ohne kritik kann man sich nicht weiter entwickeln. aber es schreckt viel leute ab, die “nur mal so” radio machen wollen. was dazu führt, dass das team klein ist, die tage stressig, aber die beiträge besser als in anderen sendungen. mit deutschland vergleichbar ist es trotzdem nicht – aber das ist eine andere geschichte.

“barometer” hat eine solche qualitätsprüfung nicht, und wenn es sie gäbe, dann würde ich die show vermutlich alleine machen. dann stünde ich jetzt vor den verschlossenen türen des funkhauses. so, ist es nur an mir, den sicherheitsdienst anzurufen und die herren zu bitten, meinem team aufzuschliessen.

9:00 wir sind auf sendung, mit einem anderen interview als geplant, aber hauptsache “no dead air”.

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