Die vergessenen Krieger

April 25, 2010

Foto by Mike Bowers

Knapp 16 100 Kilometer trennen Rufus Gordon Rigney und Matt Rigney. Matt Rigney sitzt am Ufer des Lake Albert in Südaustralien. Er ist Stammesältester der Ngarrandjeri und ein weitgereister Mensch. Auch Rufus Gordon Rigney ist weit herumgekommen, nur nach Hause, hat er es nicht mehr geschafft. Er war ein einfacher Soldat, keine 18 Jahre war er alt, als er im Ersten Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft starb. Seine Überreste liegen auf einem britischen Soldatenfriedhof in Belgien.

Jedes Jahr am 25.April gedenken die Australier ihrer Soldaten. In jener Nacht im Jahr 1915 wurde die australische Nation geboren, so heißt es. Australien war noch jung als der Erste Weltkrieg ausbrach. Dreizehn Jahre zuvor hatten sich die britischen Kolonien zu einer Förderation zusammengeschlossen. Der Erste Weltkrieg war die erste Möglichkeit für den jungen Staat, sich auf der Bühne der Weltpolitik zu beweisen.

Ende April 1915, 2.30 Uhr nachts: Die Schiffe der ANZACs (Australian and New Zealand Army Corps) laufen in die kleine Bucht bei Gallipolli in der Türkei ein. Nur dunkle Schatten zeichneten sich im Mondlicht ab. Ein Blitzangriff sollte es werden, der die Türken überrollen sollte. Die Türken hatten sich während des Ersten Weltkrieges mit den Deutschen verbündet und marschierten in Richtung Russland. Russland hatte die Allierten um Hilfe gebeten. Doch am 25.April 1915, als die Sonne langsam über den Horizont kroch, wurde den Soldaten der ANZACs klar, dass sie selber Hilfe brauchen würden. Vor ihnen erhoben sich raue Hügel und steile Schluchten, eine zerklüftete Landschaft, die einen schnellen Angriff unmöglich machte. Statt weniger Tage kämpften die ANZACs acht Monate, 35 000 Allierte sterben, 8000 davon Australier. Der Anzac-Tag, wie der 25. April genannt wird, erinnert an ihren Tod  – und an die Geburt der australischen Nation.

Die Historikerin Marilyn Lake von der LaTrobe Universität kann die Geschichte schon nicht mehr hören. Die ANZACs seien Männer in Gesellschaft anderer Männer gewesen, die versucht haben fern der Heimat Heldentaten zu vollbringen, und gescheitert sind. Wie konnte ihre Geschichte wo wichtig werden für die Australier, fragte sie sich. Und: Ist eine solcher Gründungsmythos überhaupt noch haltbar, wo finden sich die Frauen, die Aborigines, die asiatischen Einwanderer, die es auch bereits 1915 schon gab, in der Geschichte wieder?

„Die Regierung hat in den vergangenen 15 Jahren jede Menge Geld ausgegeben, um die ANZAC Geschichte zu verbreiten – vor allem durch Unterrichtsmaterialien und Kriegsdenkmale“, sagt Lake. Krieg schweißt uns zusammen, lautet die Botschaft. Jeder kann ein Held sein. Die australischen Soldaten, die in den Golfkriegen kämpften, in Ost-Timor im Einsatz waren oder in Afghanistan Stellung hielten, wussten, wenn sie zurück kommen, würde man ihnen einen glorreichen Empfang bereiten.

Doch so glorreich war der Empfang 1915 gar nicht, vor allem nicht für Aborigines. Gary Oakley, Mitarbeiter des Aboriginal and Torres Strait Islander Veterans and Services Association, erzählt zwar stolz, dass die Armee der erste gleichberechtigte Arbeitgeber für Aborigines war – gleicher Dienst für das gleiche Gehalt wie andere Australier – doch mit der Gleichberechtigung war es aus, wenn die Soldaten australischen Boden wieder betraten. Denn hier, im eigenen Land, waren sie nicht einmal Staatsbürger. Alle zurückkehrenden Soldaten weißer Hautfarben erhielten ein Stück Land. Land, das man zuvor den Aborigines weggenommen hatte. Die zurückkehrenden Aborigines erhielten nichts. „So war das eben“, sagt Oakley. Für ihn ist der 25. April kein Tag, der die nationale Einheit feiert, sondern ein Gedenktag für die australischen Soldaten. „Wir dürfen unsere Soldaten und was sie für unser Land getan haben, nicht vergessen.“, sagt er.

Das will Marilyn Lake auch gar nicht, doch sie findet, es sei Zeit für eine Erneuerung der australischen Identität. „Die Amerikaner erzählen die Geschichte der Freiheit. Wir Australier könnten die Geschichte der Gleichheit erzählen.“ 1902 führte Australien als erster Staat das uneingeschränkte Wahlrecht für Frauen ein, Aborigines waren die ersten die gegen die Assimilierungspolitik Hitlers demonstrierten, und Lake kann noch jede Menge anderer Errungenschaften aufzählen. Dennoch glaubt sie nicht, dass diese Narrative sich je durchsetzen wird. „Nationalismus dient immer einem bestimmten Grund, und es ist wichtiger Soldaten in Kriegen schicken zu können, als den Menschen zu erklären, wir seien alle gleich.“

Daran würde Matt Rigney ohnehin nicht glauben. Er hat am eigenen Leib erfahren, dass Australien noch einen weiten Weg zu gehen hat, bis alle Menschen gleich sind. Er wird deshalb am 25. April nicht der australischen Nation huldigen, sondern seiner eigenen, der Nation der Aborigines vom Stamme der Ngarrandjeri, und ihrer vergessenen Krieger, die in fremder Erde begraben liegen.

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