mr x und ich und die nostalgie

March 14, 2010

vor einigen tagen habe ich mit einem freund, nennen wir in mr x, telefoniert, der nach perth gezogen ist. seine freundin, eine australierin, sagt, adelaide sei gar nicht weit weg, nur drei stunden im flugzeug. mr x empfindet das nicht so, er rechnet noch in autofahrtstunden, wobei man für die strecke adelaide-perth eher in tagen rechnen muss. vier tage durch das nichts. “perth, da fühlt man sich tatsächlich wie am ende der welt”, sagt mr x. er hat aufgehört die zeitung zu lesen, weil im “westaustralian” ohnehin nichts erhellendes geschrieben sei. und dann unterhielten wir uns in nostalgischer weise über die guten zeitungen und magazine in deutschland.

vergangene woche war ich auf der “writer’s week” und habe einem panel über die zukunft des qualitätsjournalismus zugehört. die anwesenden journalisten diskutierten und diskutieren, ohne je den begriff “qualitätsjournalismus” zu definieren. am ende aber fragte jemand aus dem publikum danach, und die einzige, die mit einer definition aufwarten konnte, war alice pung, eine freie journalistin (und anwältin). sie sagte:

“quality journalism is something that enlightens and not makes a person shrink”

und da liegt genau das problem mit den australischen medien. überall nur drama, terror und bedrohung. da fühlt man sich die ganze zeit bedroht und schrumpft und schrumpft und schrumpft. das einzige magazin, dass tatsächlich pungs anspruch gerecht wird, ist “the monthly”. aber das magazin fährt kaum gewinne ein und überlebt nur aufgrund seines herausgebers, morry schwartz, einem immobilienmogul, der sein geld in journalistische qualität investiert. mr x und ich fragen uns, warum es in australien so wenig interessantes zu lesen gibt – wieso gibt es geschätzte 2o magazine über brautmoden und ebensoviele über “mein haus”, aber kein brand eins, keine zeit, kein dummy, kein neon? nicht mal etwas, das man mit gutem willen so nennen könnte.

die printpresse beteiligt sich nicht mal an der diskussion über qualität und wie es nun weitergehen soll mit unserer informationsgesellschaft. auf dem panel waren neben alice pung nur zwei abc journalisten. abc ist das medium, das auch ansonsten die diskussion bestimmt, wie z.b. vergangene woche, als mark scott, managing director, eine rede vor dem presseclub in melbourne gehalten hat. aber auch in seinen worten kann man keinen ernstzunehmenden blick auf die zukunft erhaschen.

michael cathcart, ein historiker, der für abc arbeitet, hat eine, wie ich finde, sehr interessante version des “wie-konnte-der-journalismus-so-tief-sinken?” vorgetragen (die sich auch auf diesen post von mir anwenden lässt )

“there has something shifted in the zeitgeist that maybe a threat to journalism-it has to do with something that we might call the enlightment project. (…) there is the idea that we are living now in a post-enlighment universe.(…) these values that we want to invest in quality journalism belongs to the enlightment project. (…) in a new kind of ideology just based on consumption is determing what is right. (…) there are now people who say “greed determines everything – let the market decide” and this notion that there is no altrusim, there is no community sense, there is no quest for anything higher beyond personal enrichment (…) i think those ideas are a threat to notions of quality journalism. (…) because the counterpart of greed appears to be fear. and a journalism based on fear is easy to sell – youths in street corners, strange looking people arriving in boats – just various forces that undermine the way we live. once you start talking about fear rather than engaging in cool analysis of the way the world is then you have quality journalism under threat. because fear relies on reducing the news to a kind of melodrama, to stories of heros – you know how the media likes to tell us the story of someone who has turned into a hero.”

was in seinen worten mitschwingt, er aber nicht ausdrücklich sagt, ist, dass die medien, die diese dramen veröffentlichen, journalismus als produkt ansehen, als eine ware, die verkauft werden muss/sollte. wenn man aber zurückkehren möchte, zu den idealen der aufklärung, dann muss man journalismus als prozess begreifen. als ein ständiger erkenntnisfortschritt, nicht als eine (verschwommene polaroid-) momentaufnahme des augenblicks.

mr x und ich wünschen uns innig, dass eine zeitung oder ein magazin sich dieser herausforderung stellen wird. falls nicht, dann müssen wir das eben selbst in die hand nehmen und herausgeber werden.

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