mein freund, der baum

February 6, 2010

mein büro ist mitten in der stadt, im erdgeschoss eines hässlichen hauses an einer vielbefahrenen straße. es fällt kaum licht in die räume, die klimaanlage hält die temperatur auf konstant 22 grad celsius. die toilette ist im treppenhaus und um wieder ins büro zu kommen, muss man entweder den türcode der durchgangstür kennen (was schwer ist, da sich mein nummerngedächnis mit der einführung des handys verabschiedet hat) oder durch den notausgang raus, und durch den haupteingang wieder rein. letzteres ist gar nicht so schlecht, dann sieht man auch ein paar mal am tag sonnenlicht.

sonnenlicht regt die vitamin d produktion an, demnach müssten die australier massig davon im blut haben und sich keine sorgen machen. aber das gegenteil ist der fall: in dem begleitheftchen über “gesundes sonnen” steht, dass man nur von august bis april einen sonnenhut tragen soll und den rest des jahres darauf verzichten sollte, damit der körper genug licht erhält für die vitamin d produktion.

ein echtes problem der wohlstandsgesellschaft: sich sorgen machen über dinge, die man im überfluss hat. gestern habe ich mich gefragt, ob wir es verlernt haben, mit dingen zu kalkulieren, die uns ausgehen könnten. ich habe mich das gefragt, weil ich für eine sendung arbeite, die sich mit dem klimawandel beschäftigt und in australien die klimawandel-leugner die oberhand haben. die regierung will ein emissionshandel-regelung erlassen, doch der industrie ist es zu teuer. nun hat die opposition ihre ideen zur klimapolitik veröffentlicht, es klingt nach 68er: bäume pflanzen. mein freund, der baum. 20 millionen bäume – ich frage mich, wo man die pflanzen will. australien ist zwar unglaublich groß, der bundesstaat südaustralien, in dem ich lebe, ist dreimal so groß wie deutschland (hat aber nur 1,5 millionen einwohner), aber der größte teil des kontinents ist wüste. tausende von kilometer einsamkeit. was will man da pflanzen? krüppelbirken? ich würde das ja gerne mal tony abbott fragen.

andererseits hat das sicher auch keinen sinn, politiker geben ohnehin nur vorproduziertes blabla von sich. wobei sie in australien darin besser sind als in deutschland. die small-talk-kultur ist ausgeprägter und australier lernen von kind auf mit vielen worten nichts zu sagen. im alltag ist das sehr angenehm: ich unterhalte mich mit leuten im supermarkt, im bus, in der schlange vor dem bankschalter. das macht die unausweichlichen dinge, die wir tag für tag verrichten müssen, angenehmer. aber die journalistische arbeit macht es anstrengender, denn ein schnelles zum punkt kommen gestaltet sich eher schwierig. aber wer weiß, vielleicht habe ich auch noch nicht die richtige taktik entwickelt, ich mache den job hier ja erst seit drei wochen und habe mich grade erst an die  verwaltungstechnischen absurditäten gewöhnt, die es sicher in der einen oder anderen art in jeder redaktion gibt. als nächstes muss ich mir den türcode für die toilette merken, dann kann ich mich auf gesprächsstrategien konzentrieren.

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