anderer kontinent, gleiche probleme

January 31, 2010

überall auf der welt diskutiert man die gleichen probleme in der medienwelt. anzeigenmangel + leserschwund = tod. in australien ist es nicht anders, wie man sich hier (abc-forum: future auf mass quality journalism) anhören kann. allerdings ist es traurig, dass in australien fast jede stadt ohnehin nur eine tageszeitung hat und die monopolstellung dem content nicht besonders gut tut – nun meint einer der diskutierenden, dass es vermutlich auch bald in sydney (aka heimliche hauptstadt des landes, 3,5 millionen fleißige bienchen) nur noch eine geben wird. das finde ich desaströs, aber eine lösung habe auch ich nicht.

deshalb habe ich mich mit den ideen von chris anderson (chefredakteur von wired) auseinandergesetzt, der die gratiskultur propagiert. er bezieht sich in einigen teilen seines vortrags über “the radical price of the free” auf alan murray vom wallstreet journal. kurz gesagt sind beide der meinung, dass es nicht um “free vs paid”, sondern um “ad-driven free vs freemium” geht. aber woher findet man raus, wofür menschen zahlen?

hier am anderen ende der welt: wofür würde ich zahlen online? ich würde tatsächlich nicht für ein online-abo meiner lieblingszeitung zahlen, weil ich online lesen unangenehm finde. aber ich finde nicht, wie michael kinsley in “the atlantic” schrieb, dass zeitungsartikel zu lang sind und man alle atmosphärische teile rauskürzen müsste, um sich auf das wesentliche zu beschränken. tatsächlich würde ich dann erst recht nicht zahlen. ich habe meine informationen lieber verpackt in erfahrungswerten anderer, und ich mag das haptische an zeitungen – das vor und zurückblättern, das mit-in-den-park-nehmen. ich würde zahlen für ein papierabo meiner deutschen zeitung, gedruckt in einer lokalen druckerei und damit ohne horrende zustellungskosten. aber ich vermute, dass man eine digitale version nicht einfach an den nächsten copyshop zum druck schicken kann.

anderson sagt, es gebe fünf gründe, warum menschen für etwas zahlen, dass sie auch gratis haben könnten:

  • um zeit zu sparen
  • um risiken zu minimieren
  • für dinge, die sie lieben
  • aus statusgründen
  • wenn man sie dazu bringt (wenn sie einmal angefixt sind)

ich glaube, dass er mit seinen punkten nicht ganz recht hat – für welche zielgruppe argumentiert er? die kaufkräftigen 14-bis 29-jährigen (manchmal auch bis mitte-oder-ende-dreißig-spätpubertierenden) zahlen ganz sicher nicht, um zeit zu sparen, davon haben sie ja genug. und sie zahlen auch eher, um risiken zu maximieren: für riskante sportarten, festivals im nirgendwo, flüchtlinge spielen an der US-mexiko-grenze. aber das ist angeblich ohnehin nicht die klassische zeitungsleser gruppe – angeblich, denn ich glaube, dass es durchaus möglich ist, eine zeitung für diese lesergruppe zu entwerfen. es wäre eben keine allround-politik-wirtschaft-gesellschaftszeitung mehr. sondern ein nischeprodukt. was an den punkt von alan murray anschließt, dass menschen vor allem für nischenprodukte zahlen und je enger die nische, desto besser.

anderson selber glaubt nicht mehr an die zeitung, wie er in einem interview mit dem spiegel sagte:

SPIEGEL: So how do you stay informed?

Anderson: It comes to me in many ways: via Twitter, it shows up in my inbox, it shows up in my RSS feed, through conversations. I don’t go out looking for it.

SPIEGEL: You just don’t care.

Anderson: No, I do care. You know, I pick my sources, and I trust my sources.

ja, so funktioniert das bei mir auch grade, aber ich kann nicht behaupten, dass das zufriedenstellend ist, denn zum einen erfährt man durch diese “sozialen filter” nur nachrichten über dinge, kreise, menschen mit denen man sich immer beschäftigt. man sperrt sich also selber ein, in die eigene subkultur, hört nur von menschen die ähnlicher meinung sind und ähnliche dinge tun. aber wo bleibt die überraschende nachricht? die innovation? dreißig leute posten auf facebook dasselbe video von oettingers englisch – aber keiner macht sich die mühe mal rauszufinden, ob die stuttgarter mundart durch ihre ganz eigene form der zungebewegung, englisch sprechen vielleicht gar besonders schwierig macht. soziale netzwerke recherchieren nicht die hintergründe von nachrichten – twitter mit seinen 140 zeichen meldungen kann das genausowenig wie facebook.

informationen suchen und analysieren, in kontext setzen und weiter verbreiten, ist noch immer nötig. wenn ich nicht daran glauben würde, dann wäre ich ohnehin im falschen job gelandet. die frage ist eben: welchen apparat baut man um die informationen drumherum, um sie unter die menschen zu bekommen?

alle reden immer vom crossmedialen arbeiten, aber sollte man vielleicht nicht mal cross-jobs arbeiten? cafébesitzer, die zeitungen für ihre zielgruppe entwerfen, und diese dann über die läden, in denen diese menschen einkaufen gehen, vertreiben? sind wir vielleicht einfach nur unflexibel?

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