philosophie des journalismus oder: wahrheit im medienzeitalter

January 11, 2010

wir brauchen eine philosphie des journalismus schreibt carlin romano, dozent an der uni von pennsylvania, im chronicle of higher education:

“Most important, every journalism student should be required to take a course in “Philosophy of Journalism,” to develop the intellectual instincts and reflexes that will make the approach to truth of both practices a permanent part of his or her intellectual makeup.

I’ve always stressed to journalism students that a philosophical angle of mind—strictness in relating evidence and argument to claims, respectful skepticism toward tradition and belief, sensitivity to tautology, synoptic judgment—makes one a better reporter.”

romano hat deshalb einen kurs etwickelt, der sich mit “wahrheit” und “objektivität” auseinandersetzt und der rolle des journalismus im staat, sowie den ethischen aspekten des berufs – in meinem stundenplan war das alles enthalten, wenn auch nicht unter dem label “philosophie des journalismus”. an was es aber gemangelt hat, war an einer lektion in gesunden skeptizismus. james ettema und theodore glasser schrieben bereits 1998 in ihrem buch über investigativen journalismus, der unterschied zwischen einem lokaljournalist und einem investigativ arbeitenden journalist sei ihr verhältnis zu den mächtigen. ersterer arbeite mit und berichte über mitteilungen aus politik und wirtschaft, letzterer stelle sie in frage. (ich finde, dass man auch als lokaljournalist investigativ arbeiten könnte, wenn man es schaffen würde, sich ein zeitfenster zwischen gemeindeversammlung und karnevalssitzung freizuschaufeln). Wenn schon eine philosophie des journalismus, dann müsste sie meiner meinung nach auch die rolle von autoritäten im staat behandeln. am ende seines texts fordert romano:

Universities and foundations could do their part to mine this rich tradition. Before directing more Knight and other grants to further repetitive Twitter and Internet “experiments,” they should support a core intellectual curriculum in journalism studies that would make a far greater difference to future excellence in the field.”

ich glaube, die gegenüberstellung von entweder “internet-experimente” oder “philosophie” ist unangebracht. der philosophischen lehrplan, den er aufstellt, muss aufpoliert und modernisiert werden. denn tatsächlich ist die frage “was ist wahrheit?” in der multimediagesellschaft sehr aktuell. doch kann man sie mit rein philosophischen ansätzen nicht mehr beantworten. um in den datenmengen des www zwischen fakt und fiktion zu unterscheiden benötigt man eben auch technik, eine forensiche ausbildung um datensalat zu sezieren. journalisten betreiben immer mehr “data-journalism”.

heutzutage muss man als journalist erstmal rausfinden:

“Gibt es außergewöhnliche Leistungen, nicht nur die gewöhnlichen, die jeder mit seinem elektronischen Instrumentarium erzeugen kann?”

(wie der technikphilosoph wolfgang schirmacher in einem beitrag des deutschlandradios über die realität der erfahrung (minuten 15:40) sagt).

es gäbe keine wahrheit und keine realität und das sei etwas, dass durch die multimediawelt zum vorschein komme. Das sei schon immer so gewesen: der mensch sei ein welterfindendes wesen:

“Realität ist, was wir erfinden. Vielleicht nicht als Einzelne, vielleicht als Gattung, vielleicht als Gesellschaft – darüber kann man durchaus diskutieren. Aber diese Erfindung Welt; dass wir die Künstlichen von Natur sind; dass wir eine Welt hervorbringen müssen, in der wir leben, weil wir sie niemals vorfinden; dass auch das, was wir nur Natur nennen, nur unsere Fiktion ist; dass wird zum ersten Mal richtig zum Vorschein kommen. Wenn sie denken, das sein irrsinnig: “Die Natur ist unsere Fiktion” – ich meine unsere Fiktion ist niemals eine Fiktion aus dem Nichts, sondern sie arbeitet immer mit Materialien, aber die Deutung dessen: Was ist ein Baum? Was bedeutet ein Meer – das ist unsere Deutung und die hat sich sehr geändert. Wir haben oft gedacht,wir ändern sie, die wir immer der Wahrheit näher kommen. Was wir aber tatsächlich getan haben: Wir haben nur besser erfunden, so dass wir in unseren Erfindungen, in unserer Welt, leben können wie wir wollen.”

das sei die philosophische lektion der multimediawelt. folgt man dieser ausführung, so ist die aufgabe des journalisten in der multimediawelt die kollektive fiktion herauszuarbeiten und zu deuten. doch die frage bleibt: wie findet man eine kollektive fiktion aka realität in einer globalisierten welt, die sich aber in nationalstaaten organisiert (oder es zumindest versucht)? zugegeben: unterricht in logischem denken kann nie schaden, aber dazu müsste auch noch technisches handwerk und vor allem die deutung von daten und zahlen kommen.

One Response to “philosophie des journalismus oder: wahrheit im medienzeitalter”

  1. Ich glaube ja nicht so an das Investigative, aber das kann auch Selbstschutz sein. Journalisten erfahren meistens nur so viel, wie andere wollen, dass Journalisten erfahren. Sie sind also in 99 Prozent aller Fälle anderer Leute nützliche Idioten. Um mehr zu erfahren, müsste sie aufhören, der “Wahrheit” immer nur einen Besuch abzustatten (wie es investigative Journalisten tun, wenn sie ein paar Tage einem Skandal hinterher recherchieren), sondern Teil der “Wahrheit” werden, um sie eines Tages wieder zu verraten. (Überhaupt selten thematisiert: Dass Journalisten ihre Gegenstände in einen gewissen Sinne auch “verraten”, weil bloßstellen). Das würde aber die Zahl möglicher Berichte auf ein paar Dutzend pro Leben reduzieren. Die hätten es aber in sich. Paar Leute machen das ja. Aber wovon leben die? Nicht vom Journalismus.

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